Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über das optische Formgefühl. Ein Beitrag zur Ästhetik
Person:
Vischer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39646/37/
29 
gegen den rein subjektiven Pol desselben aus. Diese niederhaltende 
Gegenwirkung erfolgt von dem Augenblick an, wo die allgemeine Be¬ 
deutung einer objektiven Kraft erkannt wird. Indem ich abstrakt den¬ 
ken und mich als untergeordneten Theil eines untrennbaren Ganzen 
begreifen lerne, expandirt sich mein Gefühl zum Gemüth. Und so 
werde ich von einer persönlichen Schädigung oder Genugthuung in so 
fern im Gemüth erregt, als dieselbe wie eine Schwächung oder Be¬ 
kräftigung der Weltharmonie aufgefasst werden kann. Der Glückselig¬ 
keitstrieb entdeckt das einzige Wundermittel, sich zu befriedigen, in der 
Sorge für das allgemeine Wohl der Menschheit. So steigen wir von 
der simplen Selbstliebe zur Geschlechts- und Familienliebe (Racegefühl) 
und von dieser zur absoluten Nächstenliebe, Menschenfreundlichkeit 
und zum Pathos des Staatsbewusstseins empor. 
Es ist die Ahnung des Guten, mit welcher sich die Liebe berei¬ 
chert. Darum genügen nun Begriffe wie Werth, Macht, Bedeutung 
nicht mehr zur Kennzeichnung des geistigen Reizgehaltes. Sie haben 
jetzt eine innere »weltgültige« * Leuchtkraft erhalten, sind geweihte, fest- 
y 
liehe Träger einer öffentlichen Würde geworden. Der Freundliche er¬ 
scheint mir nun überhaupt brav und edel, der Gehässige überhaupt 
verworfen und teuflisch. Ich fühle mich selbst in mir oder in einem 
andern Ich, aber nur als einen würdigen Repräsentanten der ganzen 
4 Gattung. 
Der Fortschritt ist eigentlich nichts Anderes, als eine geistige Ent- 
äusserung und Verflüchtigung des Selbstgefühles, das sich hiermit nur 
noch am Ganzen hat. So wird die Mitempfindung, das Mitgefühl, das 
wir z. B. mit einem verwundeten Soldaten haben, insofern zu einer 
tiefen Gemüthstheilnahme, als wir das transponirte mitleidende Ich zum 
allgemeinen Menschen-Ieh erweitern, so dass in diesem Leidensbilde 
mit Einem Zug die Reinheit des ganzen Menschendaseins vergällt er¬ 
scheint. Die Barbarei der Feindseligkeit, die Ohnmacht des Einzelnen, 
* Kritische Gänge. N. F. v. F. Th. Vischer. 5. Heft. S. 155.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.