Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ziele und Wege der Schallanalyse. Zwei Vorträge
Person:
Sievers, Eduard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39644/7/
I 
B] Ziele und Wege der Schallanalyse. 6f 
über das Streitobjekt ausgeschlossen, denn man wird da nie über, 
die Feststellung des wenig tröstlichen Tatbestandes hinauskommep : 
«ich höre oder fühle, was du nicht hörst und fühlst», und umgekehrt* 
Sie werden mir da nun vermutlich sofort ein werfen, warum ich 
nicht an das maschinelle Experiment appelliere, um solche 
Streitfragen zu entscheiden. Der Einwurf wäre an sich auch ganz 
berechtigt, wenn das maschinelle Verfahren nur wirklich Aussicht 
auf besseren Erfolg böte als die direkte Beobachtung des mensch¬ 
lichen Sprechens, die man gern als «subjektive» Beobachtungs¬ 
weise zu brandmarken liebt, soweit man nämlich darüber nicht im 
klaren ist, was hier die Wörter «subjektiv» und «objektiv» in praxi 
bedeuten. Ich habe auch selbst schon vor Jahren eine Reihe solcher 
maschineller Untersuchungen anstellen lassen \ und habe dabei doch 
manches gelernt, was zur Vorsicht mahnt: nämlich erstens, daß 
für die meisten klanglichen Erscheinungen, die es festzulegen gilt, 
brauchbare Registrierapparate erst noch zu erfinden wären, wenn sie 
überhaupt zu erfinden sind (was ich vorläufig einigermaßen beweifle); 
und zweitens, daß auch der sinnreichste Apparat nichts nützt, 
wenn der Experimentator nicht vorher weiß, was er als Material 
an ihn heranbringt. Und das weiß er eben nicht, und kann 
es nicht wissen, wenn er nicht imstande ist, dieses Material vorher" 
eben durch die «direkte» Beobachtung ausreichend zu prüfen. . Und 
gar so «subjektiv» ist denn doch auch dieses direkte Verfahren nicht, 
v%m man sich die Sache etwas genauer überlegt. Wir sollen doch 
irgendwie feststellen, was sozusagen an irgendeiner Stelle mensch- 
3icher Rede «üblich» oder «normal» ist. Gut. Wie kommt denn 
aber eben dies «Übliche» oder «Normale» geschichtlich betrachtet 
zustande? Doch nur dadurch, daß das sprechenlernende Kind auf 
dem Wege «subjektiver» Nachahmung das nachbildet, was es von 
andern gesprochen sieht, hört und empfindet. Geschieht aber dieser- 
gestalt alle Sprachüberlieferung allein auf diesem «subjektiven» Wege, 
1 Durch Herrn W. E. Peters, s. dessen «Stimmgebungssludien» I. Der 
Einfluß der Sieversschen Signale und Bewegungen auf die Sprachmelodie, in 
Wundts Psychologischen Studien X (1918), 387—572 (mit 3 Kurventafeln). Eine 
zweite Serie von Untersuchungen über den Einfluß der Signale auf natürliche 
Tonhöhe und Klangfarbe der verschiedenen Vokale ist von dem Bearbeiter nicht 
zu Ende geführt worden, weil die mit dem Gartenschen Photokymographion 
gewonnenen Aufnahmen nach seiner Angabe eine für die mathematische Analyse 
hinlänglich genaue Ausmessung nicht gestatteten. Gerade bei dieser Versuchs¬ 
reihe trat die absolute Unentbehrlichkeit der Subjektivkontrolle aufs deutlichste 
hervor. 
5*
        

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