Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ziele und Wege der Schallanalyse. Zwei Vorträge
Person:
Sievers, Eduard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39644/49/
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Ziele und Wege der Schallanalyse. 
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Auch neuere Dichter wissen dadurch ihrer Rede noch größere 
Mannigfaltigkeit des Klanges zu verleihen. Ganz raffiniert arbeitet 
damit z. B. Hugo von Hofmannsthal, der gern sogar inner¬ 
halb des einzelnen Verses auf hellweiches 2w das dunkelvibrierende 
6w folgen läßt, nach dem Schema 2wß- — a || 6wc w d (• #J i/r, F., 
letzteres — Fig. 94). Vgl. etwa aus dem «Tod des Tizian» (Bethge 
S. 138): 
Mir war, | als ginge durch die blaue Nacht, || 
Die atmende, | ein rätselhaftes Rufen, |j 
Und nirgends | war ein Schlaf in der Natur. || 
Sie werden nun endlich, verehrte Anwesende, nachdem Sie mir 
bisher geduldig gefolgt sind, wohl auch noch die Frage aufwerfen: 
Wozu das alles? Lohnt es sich wirklich der Mühe, so viel Zeit 
und Arbeit auf eine Sache zu verwenden, die doch am letzten Ende 
vielleicht keine rechte Bedeutung hat, weder für Theorie noch für 
Praxis: wir können ja doch alle sprechen, und können auch 
lesen usw. was wir brauchen: was soll das überflüssige Mehr? 
Dem möchte ich mir erlauben, etwa folgendes entgegenzuhalten. 
Der Wissenschaft ist kein Gegenstand zu gering, der in ihr 
Gebiet fällt, und ich kann einen Gegenstand, wie die Erforschung 
der Art und Weise nicht einmal «gering» nennen, wie menschliche 
Sprache unter verschiedenen Bedingungen auf verschiedene Weise 
erzeugt wird. 
Unser Problem hat aber auch noch ganz andere Seiten. Zu¬ 
nächst eine psychologisch-ästhetische. Nur der — und das 
ist wieder ein Satz der Erfahrung -— kann sich in das Produkt eines 
andern vollkommen einfühlen und es dann auch in voll¬ 
kommener Reinheit der Form reproduzieren, der es ver¬ 
steht, alle die Hemmungen auszuschalten, die ihm ab¬ 
weichende persönliche Körpereinstellung in den Weg legt. Das gilt 
vor allem auch von dem Kunstwerk in Dichtung und Musik. 
Hier gibt es weder volles Verständnis noch reine Reproduktion ohne 
auch körperliche Anpassung an den Körperzustand des Schöpfers 
jenes Kunstwerkes während dessen Konzeption. Will der reprodu¬ 
zierende Künstler (also z. B. der Kunstsprecher, Schauspieler, Sänger, 
Musiker) in seiner Kunst das Höchste leisten, was erreichbar ist 
{und was doch nur verhältnismäßig wenige instinktiv erreichen), so 
kann er der neuen Lehre nicht entbehren, die ihm — freilich nur bei
        

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