Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rhythmisch-melodische Studien. Vorträge und Aufsätze
Person:
Sievers, Eduard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39643/8/
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Zu Wernhers Marienliedern. 
und andere Dichter (um zunächst bei dem Erzähl er vers 
stehen zu bleiben) gemeinsam haben. 
Ein vierhebiger Vers wird — abgesehen von seiner 
Zeiteinteilung, [12] die hier als selbstverständlich gegebenes 
Element nicht besonders in Betracht kommt — ganz all¬ 
gemein dadurch charakterisiert, daß er vier Hebungen 
besitzt, d. h. vier Silben, die in irgendwelcher Weise 
stärker hervorgehoben werden, als die mit ihnen im Verse 
vereinigten übrigen Silben, die wir als Senkungssilben be¬ 
zeichnen. Zur Hervorhebung von Silben aber stehen über¬ 
haupt drei Mittel zur Verfügung: Abstufung des Nach¬ 
drucks, der Tonhöhe und der Dauer. In der jetzt bei uns 
herrschenden Vortragsweise gehen diese drei Abstufungen 
im ganzen derart zusammen, daß die nachdrücklichere 
Silbe auch am ehesten eine gewisse Dehnung empfängt, 
t 
und daß sie in der musikalischen Vortragsskala auch am 
höchsten liegt.1 Sehen wir ferner von den etwaigen Deh¬ 
nungen als einem mehr nebensächlichen Punkte ab, so 
bleibt*- als Kern dieser Erwägungen der altbekannte Satz 
übrig: jede Hebung ist stärker und höher als die ihr 
beigeordnete Senkung. Fügen wir dazu den ergänzenden 
Satz, daß die Senkung2 * durch eine auf Fußlänge zu deh¬ 
nende Hebung aufgesogen werden kann (Synkope der 
1 Ob das letztere immer und überall so gewesen ist, braucht 
hier nicht untersucht zu werden. Es wäre an sich recht wohl 
denkbar, daß die heutzutage im Süden weit verbreitete Art der 
Betonung, welche die Nachdruckssilben tiefer legt als die unbetonten, 
auch ihrerseits eine altüberlieferte Form ist. Dort wird dann die 
Vertiefung des Tons als eine Auszeichnung empfunden. Für das 
Prinzip aber ist es gleichgültig, wie die Auszeichnung zustande 
kommt, ob durch Erhöhung des Tones, wie im Norden und in der 
Bühnensprache, oder durch Vertiefung, wie im Süden. Es wird also 
gestattet sein, im folgenden von der süddeutschen Betonungsform 
abzusehen und uns nur an die auch an sich natürlichere Betonungs¬ 
weise des Nordens zu halten. Sollte sich jene einmal als alt 
erweisen, so brauchte man ja nur das Verhältnis von hoch und tief 
einfach umzukehren. [In dieser Form kann der Satz von dem 
'stärker und höher5 nicht festgehalten werden.] 
[2 Richtiger: 'die Senkungszeit5.]
        

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