Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rhythmisch-melodische Studien. Vorträge und Aufsätze
Person:
Sievers, Eduard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39643/79/
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Über ein neues Hilfsmittel philologischer Kritik. 
Melodien im letzteren Falle bloß vorgestellt werden, zu¬ 
gleich mit den Wortreihen, die ihre Träger sind, und aus 
denen erst durch die — innerlich vollzogene — Addition 
von Rhythmus, Melodie usw. überhaupt sinnvolle Sätze 
hervorgehen. 
Auch der schweigend arbeitende Schriftsteller pro¬ 
duziert daher bei seiner Tätigkeit fortlaufend vorge¬ 
stellte Melodien, auch wenn er sich dieses Teils seiner 
Produktion nicht bewußt ist. Beim Niederschreiben 
seiner Gedanken fallen aber diese Melodien mehr oder 
weniger vollständig aus : denn unsere Schriftsysteme haben 
leider kein irgendwie adäquates Ausdrucksmittel für der¬ 
gleichen Dinge. 
Will der Lesende andrerseits einen geschriebenen 
(oder gedruckten) Satz oder Text verstehen, so muß er 
den vor seinen Augen erscheinenden Reihen von Wort¬ 
bildern aus Eigenem die Sinneselemente erst wieder hin¬ 
zufügen, die von dem Schreibenden nicht wiedergegeben 
werden konnten. Dabei ist es gleichgültig, ob der Lesende 
diese Ergänzung im lauten Sprechen vollzieht, oder durch 
bloßes Hinzudenken bei stillem Lesen. 
Diese Umsetzung der für sich allein betrachtet sinn¬ 
losen Textzeichen ins Sinnvolle geschieht zunächst instinktiv, 
nach dem subjektiven Eindruck, den der Leser, gestützt 
auf Erinnerungsbilder aus der lebendigen Rede, per ana¬ 
logiam aus der vor ihm liegenden Zeichenreihe gewinnt. 
Dabei gewährt ihm einerseits das erwähnte System der 
Führtöne, das ihm die einzelnen Wörter liefern, einen 
Anhalt, andrerseits das ihm ebenso vertraute System der 
ideellen Satzmelodien: beides selbstverständlich nur im 
Zusammenhang mit gewissen (wenn auch wieder nicht 
klar bewußten) Vorstellungen über zu erwartende oder 
mögliche Sinnesreihen. 
Diese subjektive Ausdeutung der Schriftzeichen durch 
den Lesenden kann entweder 'richtig’ oder 'falsch5 sein, 
je nachdem er die von dem Schreiber vorgestellte Melodie 
trifft oder nicht. Wir müssen also, um Geschriebenes 
Sievers, Rhythmisch-melodische Stadien. 
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