Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rhythmisch-melodische Studien. Vorträge und Aufsätze
Person:
Sievers, Eduard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39643/59/
Über Sprachmelodisches in der deutschen Dichtung. 61 
Leser auch wieder die Auslösung bestimmter Melo¬ 
dien, wenn er einen dichterischen Text nach den ihm 
für die einzelnen Wortfolgen und Wortgruppen geläufigen 
traditionellen Betonungsweisen in laute Rede umsetzt. 
Dabei wird der Leser die Melodien des Dichters wenigstens 
ihrem Grundcharakter nach um so sicherer und treuer 
reproduzieren, je naiver und reflexionsloser er sich dem 
Gelesenen hingibt, d. h. je mehr sein Vortrag den Cha¬ 
rakter einer unwillkürlichen Reaktion auf unbewußt emp¬ 
fangene Eindrücke trägt. Das ist wenigstens, wie ich hier 
ohne nähere Rechtfertigung einschalten möchte, das Er¬ 
gebnis meiner Beobachtungen, und es muß um so schärfer 
hervorgehoben werden, als eine solche Leseweise unserer 
modernen Vortragsgewöhnung widerspricht, die weniger 
auf Hervorhebung des Gemeinsamen als des Individuellen 
und Gegensätzlichen ausgeht, und die es demgemäß liebt, 
das dichterische Kontinuum verstandesmäßig in kleinste 
Einzelteile zu zerschlagen und diese dann miteinander in 
scharf pointierten Kontrast zu setzen. 
Nach allem diesem ist die oft und vorsichtig 
wiederholte Reaktionsprobe das erste und wichtigste 
Hilfsmittel, dessen man sich bei der systematischen Unter¬ 
suchung des Melodischen in der Literatur zu bedienen 
hat. Diese Probe aber muß zwiefacher Natur sein. 
Einmal muß der Untersuchende sie an sich selbst 
vornehmen, schon um überhaupt die verschiedenen me¬ 
lodischen Typen, die in den Texten verborgen liegen, in 
ihrer Eigenheit erfassen und scheiden zu lernen. Aber 
auch noch aus einem anderen wichtigen Grunde. Gerade 
die Methode der einseitigen Untersuchung bringt nämlich 
einen Faktor von annähernder Konstanz in die kompli¬ 
zierte Rechnung, ich meine die im wesentlichen doch 
gleichbleibende Auffassungs- und Reaktionsweise des Einzel¬ 
individuums, die eben durch ihre Konstanz eine gewisse 
Gewähr dafür bietet, daß melodische Eigenschaften und 
Verschiedenheiten der Texte beim Vortrag auch wirklich 
proportionalen Ausdruck finden.
        

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