Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rhythmisch-melodische Studien. Vorträge und Aufsätze
Person:
Sievers, Eduard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39643/50/
52 Zur Rhythmik und Melodik des nhd. Sprechverses. 
Und den Fluß hinauf, hinunter ziehn die Schatten tapfrer 
Goten, 
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten. 
Diesen melodisch gleichschwebenden Versen treten 
gegenüber Verse mit stärkerem, doch ungeordnetem Wechsel 
von Nachdruck und Tonhöhe. Als erstes Beispiel möge 
dienen Goethes Neue Liebe, neues Leben: 
Herz, mein Hérz, was soll das gében? 
Was bedränget dich so sehr? 
Welch ein frémdes, néues Lében! 
Ich erkénne dich nicht mehr! [380] 
Wég ist alles, was du liebtest, 
Wég, warum du dich betrübtest, 
Wég dein Fléih und deine Ruh — 
Ach, wie kamst du nur dazu? 
Charakteristisch für diese Art podischer Verse ist also die 
Regellosigkeit in der Stellung und Zahl der stärksten und 
höchsten Ikten. Zwei Formen aber heben sich aus der 
großen Fülle der Möglichkeiten noch etwa gesondert hervor. 
Die erste, regelloseste Art möchte ich als Verse mit 
Sprungikten bezeichnen, d. h. Verse, in denen einzelne 
Ikten sich sprunghaft über das sonstige Niveau des Verses 
hinaus erheben. Am schärfsten prägt sich der Charakter 
dieser Verse aus, wenn nur ein solcher Sprungiktus darin 
enthalten ist. Vgl. etwa aus dem Faust: 
Weh, steck’ ich in dem Kérker noch? 
Verfluchtes, dumpfes Mauerloch, 
Wo selbst das liebe Himmelslicht 
Trüb durch gemalte Scheiben bricht! 
Beschränkt von diesem Bücherhauf, 
Den Würmer nagen, Staub bedeckt, 
Den bis ans hohe Gewolb hinauf 
Ein angeraucht Papier umsteckt; 
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt, 
Mit Instruménten vollgepfropft, 
Urväter Hausrat drein gestopft: 
Das ist deine Wélt, das heißt eine Wélt. 
Einen bestimmten Gegensatz hierzu bildet eine Vers- 
art, die ich als Skalen verse bezeichnen möchte. Hier
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.