Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rhythmisch-melodische Studien. Vorträge und Aufsätze
Person:
Sievers, Eduard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39643/47/
Zur Rhythmik und Melodik des nhd. Sprechverses. 49 
bezeichnen,, d. h. er nähert sich dem ungeraden Takt. 
Umgekehrt vergleichen sich die Verse mit vorwiegend 
zweisilbigen Sprechfüßen, also die sog. Iamben und Tro¬ 
chäen, denen im Gesang von Haus aus der ungerade 
Tripeltakt zukam, nun eher dem geraden (zwei- oder vier¬ 
zeitigen) Takt, sofern man überhaupt die freien Quanti¬ 
täten des Sprechverses den xpôvoi Trpujxoi der Musik zur 
Seite stellen kann. 
Wie aber steht es mit der Melodie des Sprech¬ 
verses? Zwei Hauptunterschiede fallen sofort ins Auge: 
dem Sprechvers fehlen die festen Töne des Gesangs (er 
ersetzt sie, wie die ungebundene Rede,, durch Gleittöne in 
freiestem Wechsel), und es fehlen ihm die festen Melodien 
mit gleichmäßiger Wiederholung an korrespondierenden 
Stellen. In letzterer Beziehung ist, wie man sieht, der 
Sprechvers freier als der Gesangsvers; er ist aber zugleich 
stärker gebunden als dieser, insofern der einzelnen Silbe 
nicht wie in der Komposition eine wesentlich frei zu 
wählende Tonhöhe zukommt, sondern diejenige Tonhöhe, 
welche ihr nach dem Sinnes- und Stimmungsakzent der 
betreffenden Stelle oder, kürzer gesagt, nach dem natür¬ 
lichen sprachlichen Satzakzent an sich eigen ist. Der 
Komponist bildet also seine Melodie fest nach frei gege¬ 
benen Tonhöhen und Intervallen, dem Dichter des Sprech¬ 
verses stehen nur die festen Tonhöhen und Intervalle der 
empirischen Sprache zu Gebote, aber über diese kann er 
auch um so freier verfügen. Das ist aber um so wich¬ 
tiger für die Ausdrucksfähigkeit des Sprechverses, als in 
der freien Rede gerade Wechsel der Stimmlage einerseits 
und Wechsel der Intervallgröße andrerseits zum Ausdruck 
verschiedenartiger Stimmung dienen. Die übrigen Mittel 
der Variation, wie Wechsel der Stimmqualität, des Tempos, 
von Porte und Piano usw. besitzt er ebenso wie der Kom¬ 
ponist: durch die freie Verfügung über jene andern Mittel 
aber ist er ihm überlegen, d. h. er kann überall und ohne 
Schwierigkeit (wenn wir von der spezifischen Wirkung des 
Gesangs als solcher abs.ehen) denselben Zusammengang 
Sie vers, Rhythmisch-melodische Studien. 4.
        

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