Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Rhythmisch-melodische Studien. Vorträge und Aufsätze
Person:
Sievers, Eduard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39643/118/
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Zur älteren Judith. 
mehr an Zeit, als bei gewöhnlichem Sprechtempo der 
einzelnen Silbe oder dem Silbenpaar zugemessen zu 
werden pflegt. Man muß also schon beim zweisilbigen, 
noch mehr aber bei dem nur einsilbigen Fuß im Ge¬ 
sang dem Sprechvortrag gegenüber etwas dehnen. Der 
Sprechgewohnheit aber ist eine solche Überdehnung zu¬ 
wider, und darum geht die Entwicklung des vom Gesang 
abgelösten Sprechverses darauf hinaus, durch ein andere 
Art von Versfüllung wieder mehr die natürlichen Quan¬ 
titäten der Sprechsilben (bzw. der Gruppen von solchen) 
zur Geltung zu bringen. Wo dies Ziel erreicht ist, hat 
also der zweisilbige [188] Normalfuß nicht mehr das ge¬ 
steigerte Zeitmaß von 
10 
# # 
den xpovoç 
TrpujTOç als h gerechnet), sondern nur noch das Durch¬ 
schnittsmaß von | x' x |, d. h. der Zeit, die man, kurz 
und lang in eins gerechnet, bei normalem Redetempo 
durchschnittlich für zwei gewöhnliche Sprechsilben braucht. 
Kommen in einem Gedicht dieser Art einmal Füße von 
mehr als zwei Silben vor, so muß das Sprechtempo an 
dieser Stelle beschleunigt werden, damit die drei Silben 
(um mehr handelt es sich ja nur ausnahmsweise) nicht 
mehr Zeit verbrauchen als sonst im Durchschnitt auf 
zwei Silben entfällt (vgl. dazu Metr. Studien 1, S. 47). 
10. Die Gangart, der hier beschriebenen Gattung 
von Versen kann als leicht bezeichnet werden, weil 
sie an die natürlichen Zeitverhältnisse der gesprochenen 
Rede anknüpft, und jedenfalls nirgends gegen den Sinn 
geschleppt wird. Leicht in diesem Sinne sind z. B. 
Verse wie 
Ein ritter so geleret was 
daz er an den buochen las 
swaz er daran geschriben vant. 
Nach solchen Mustern kann man aber die Verse 
der Judith might lesen, ohne ins Groteske zu verfallen. 
Für sie muß man vielmehr, wenn man sie überhaupt 
deklamieren will, eine viel schwerere Gangart wählen, 
d. h. die Fußzeit von vorn herein größer nehmen
        

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