Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/587/
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Die Modifikationen des Schönen. 
schroff einsetzend oder absetzend, in keinem Punkt aufgehalten, 
nicht gewaltsam abgebogen, also durchaus so, wie es in ihrer 
Natur liegt, sich auswirkt. 
Ebenso ist die Bewegung eines Körpers anmutig, wenn sie 
aus einem verständlichen Bewegungsimpuls, und den Kräften 
des bewegten Körpers, zwanglos undungesucht, ohne Schwanken, 
heftiges Einsetzen und Absetzen, ohne ablenkenden und zu über¬ 
windenden Anhalt, kurz, mit einem Charakter der Selbstverständ¬ 
lichkeit, hervorfliefst oder hervorzufliefsen scheint. 
Das Anmutige, sagte ich, schliefse die Erhabenheit nicht 
aus. Sie schliefst vor allem nicht aus, sondern ein, die Inner¬ 
lichkeit. Rechte Anmut hat Gröfse; und sie hat Stille und Tiefe. 
Die Grazie. Das ästhetisch Kleine. 
Dagegen ist die „Grazie“ äufserlicher, weniger still und 
weniger tief und weniger kraftvoll; die Anmut ist unbewufst 
und ungewollt, oder mufs so scheinen; das Selbstverständliche 
„will“ ich nicht, sondern ich tue es — selbstverständlich, und 
mein Bewufstsein haftet nicht daran. Grazie dagegen kann 
gewollt und bewufst sein; sie kann neckisch sein, lockend, 
herausfordernd und kapriziös. Im übrigen hat die Grazie die 
Freiheit, die Abwesenheit des Gewaltsamen, Bemühten, Schroffen, 
Harten, Dissonanten mit dem Anmutigen gemein. 
Solche Grazie eignet etwa dem Rokoko mit seinen leicht¬ 
spielenden kapriziösen Formen. Einige Gestalten Correggios 
sind graziös, keine mir bekannte ist anmutig. Manche Gestalten 
Rafaels sind anmutig; keine mir bekannte ist blofs graziös. 
Den vollen Gegensatz des Erhabenen bezeichnet schliefslich 
das ästhetisch Kleine, Leichtfafsbare, und uns innerlich leicht 
und spielend Beschäftigende. Man hat den ästhetischen Genufs 
und die Kunst überhaupt ein Spiel genannt. Dazu hat man ein 
Recht, wenn man das Spiel im Gegensatz zu der auf praktische 
Zwecke gerichteten Arbeit nimmt. Das Spiel aber, von dem ich 
hier rede, ist nicht der praktischen Arbeit, sondern dem Ernst 
entgegengestellt. Das Spielende, das ich meine, ist das der 
Gröfse, der Macht, auch der allzu grofsen Tiefe Entbehrende.
        

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