Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/584/
Sechstes Kapitel: Die Tragik 
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zertrümmere, und wogegen auch das beste Wollen nichts 
vermöge. 
Hier fragt es sich, was unter dem „erhabenen Schicksal“ 
verstanden wird. Sofern es Zufall ist, oder blinde Naturnot¬ 
wendigkeit, ist an ihm nichts Erhabenes. Sofern es sich ver¬ 
körpert in menschlichem Wollen, kann dies menschliche Wollen 
gewifs erhaben sein, und kann dies erhabene Wollen zum 
Gesamteindruck des tragischen Kunstwerkes einen Beitrag 
liefern. Aber in diesem Zusammenhang handelt es sich nicht 
um die Gesamtwirkung des tragischen Kunstwerkes, sondern 
um die Tragik, d. h. um Leiden und Vernichtung. Und dies 
ist, wie wir schon im vorigen Kapitel sahen, nicht erhaben; es 
sei denn durch das, was es uns Positives schafft. 
Dies aber ist der Eindruck des Menschenwertes. Nichts 
ist erhaben als der Mensch. Auch das tragische Schicksal ist 
nicht erhaben als Schicksal, sondern als Menschenschicksal, 
d. h. es ist erhaben als dasjenige, was den Menschen und das 
Menschliche in seiner Erhabenheit uns verstehen lehrt. Es ist 
erhaben als das, was uns erhebt, indem es uns intensiver und 
tiefer als Menschen uns fühlen lehrt. 
Ich sagte soeben, das erhabene Wollen, das den tragischen 
Gestalten gegenüberstehe, liefere zum Eindruck des tragischen 
Kunstwerkes einen Beitrag. So gehört überhaupt alles, was wir 
angesichts des tragischen Kunstweikes erleben und miterleben, 
mit zum Inhalt des Kunstwerkes. Und dies ist nicht alles 
tragisch. Nur verdichtet sich freilich alles, und fafst sich zu¬ 
sammen in dem tragischen Geschick des tragischen Helden. 
Kritische Zusätze. 
Obgleich die gegenwärtige Betrachtung des Tragischen nicht 
die Absicht hat, die verschiedenen Theorien des Tragischen zu 
erörtern, so bemerke ich doch zur Kritik solcher Theorien noch 
folgendes: 
Keiner Widerlegung bedarf jegliche Theorie des Tragischen, 
die von uns fordert, dafs wir angesichts des tragischen Kunst¬ 
werkes von diesem uns wegwenden, und irgendwelchen opti-
        

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