Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/577/
564 
Die Modifikationen des Schönen. 
(Jnd dies durch das Leiden in mir geweckte bezw. gesteigerte 
Wertgefühl nun, zusammen mit der Tatsache des Leidens selbst, 
die an sich unlustvoll ist, konstituiert das „Mitleid“. 
Das tragische Mitleid. 
Schliefslich kann noch die Frage gestellt werden, was 
denn mache, dafs ich überhaupt den Menschenwert eines 
Andern zu fühlen vermag. Die Antwort hierauf ist in früherem 
Zusammenhang gegeben. Sie liegt im übrigen schon in dem 
Gesagten: Ich bin selbst Mensch. D. h. dies Fühlen des 
Menschenwertes eines Andern ist Mitfühlen oder Sympathie. 
Der fremde Mensch, so wurde ehemals gesagt, bestände für 
mich gar nicht, wenn ich nicht aus den Zügen meines eigenen 
Wesens das Bild der fremden Persönlichkeit erzeugte. Die fremde 
Persönlichkeit oder das fremde Ich ist ein modifiziertes und 
objektiviertes, an einer Stelle der Welt aufser mir festgeheftetes 
eigenes Ich. Bei aller Modifikation bleibt es doch in seinen 
Grundzügen — ich. Demgemäfs ist die Wertung des fremden 
Menschen gar nichts als objektivierte Selbstwertung, das Gefühl 
des Wertes der fremden Persönlichkeit objektiviertes Selbstwert¬ 
gefühl. 
Dies objektivierte Selbstwertgefühl also ist es, das durch 
den Anblick des fremden Leidens gesteigert wird. Ich fühle in 
erhöhtem Mafse mich und meinen Menschenwert in einem 
Anderen. Ich erlebe oder fühle in höherem Mafse, was es heilst, 
ein Mensch zu sein. 
Und dazu ist das Leiden das Mittel. Und es gibt nichts, 
was in gleichem Mafse mir den Wert des Menschen eindringlich 
machen könnte als das Leiden, ln dieser Wirkung besteht, so 
können wir sagen, ein Teil des ethischen Berufes des Leidens 
in der Welt. In eben dieser Wirkung besteht aber zugleich sein 
ganzer ästhetischer Beruf. Es wird mir, ich wiederhole, zum 
Bewufstsein, d. h. zum Gefühl gebracht, was es heilst, ein Mensch 
sein; es wird mir dieser absolute Wert eindringlich. 
Das Gefühl des Menschenwertes, das mir das angeschaute 
Leiden schafft, ist Sympathie. Sympathie ist Einfühlung, Mit¬ 
erleben.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.