Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/560/
Viertes Kapitel: Arten des Erhabenen. 
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gleich mit ihm neu ist, dafs ich durch seine Umgebung nicht 
darauf vorbereitet bin, es nicht erwartete und demgemäfs über¬ 
rascht bin, dies bedeutet an sich keinen Wertzuwachs zu dem 
Neuen, Überraschenden u. s. w., obgleich es die Wirkung eines 
an sich Wertvollen für den Augenblick, d. h. im Moment seines 
Auftretens, zu steigern vermag. Nichts wird in sich selbst grofs, 
bedeutsam, wichtig, dadurch, dafs es verblüfft. Das Verblüffen 
an sich, das Effektmachen oder auf den Effekt Hinarbeiten in 
diesem Sinn, ist kein ästhetisches oder künstlerisches Tun. Der 
ästhetische Wert ist eben Eigenwert. Nichts aber bekommt 
einen eigenen Wert, nichts wird gut oder besser, als es an sich 
ist, durch das Überraschende seines Auftretens. 
Aber der Kontrast kann allerdings einen Zusatz an ästhe¬ 
tischem Wert in sich schliefsen. Nur müssen wir hier über 
die blofse Tatsache des Kontrastes hinausgehen, und hinaus¬ 
blicken auf das, was in dem Kontrastierenden liegt, auf die 
Art des Lebens und der Lebensbetätigung. 
Hier aber sind die beiden Möglichkeiten zu unterscheiden, 
die bereits in jenem früheren Zusammenhang unterschieden 
wurden. Einmal, der Kontrast ist grofs und unvermittelt. Wir 
nehmen als Beispiel hierfür, wie früher, den zwischen niedrigen 
Bergen plötzlich, überraschend, unvorbereitet herausbrechenden, 
und demnach zu seiner Umgebung unvermittelt kontrastierenden 
Berg. 
Dieser Berg würde für uns nicht mit den niedrigen Höhen 
kontrastieren, wenn wir ihn nicht darauf bezögen, also mit 
dem Hügelland zu einer Einheit zusammenfafsten. Dann aber 
bildet er mit diesem einen einzigen Lebenszusammenhang oder 
ein einziges Individuum. Und von diesem Individuum nun 
gewinnen wir aus jenem Kontraste ein Bild eigener Art: Das¬ 
selbe scheint aus leichten und ruhigen Hebungen und Senkungen, 
also aus mäfsigen und ruhigen Lebensbetätigungen heraus, an 
einem Punkt unvermittelt, mit einem einzigen, plötzlichen, 
mächtigen Impuls den Berg ins Dasein zu rufen. Der hohe 
Berg entsteht nicht aus einem Kraftaufwand, der schon da ist, 
und jetzt einen blofsen Zuwachs erfährt, sondern er entsteht 
aus der Konzentration der ganzen Kraft in diesem Punkt, aus 
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