Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/538/
Zweites Kapitel: Fortsetzung. Weitere Qualitäten des Lustgefühls. 525 
sucht, ein Erleben und Geniefsen dessen, worauf solche Kraft 
und Sehnsucht hindrängt, das Sichbefriedigen eines Bedürf¬ 
nisses, dessen Erfüllung vor anderen mir erlaubt als ganzer 
Mensch beglückt zu sein. 
Was dies besagen will, weifs jeder, oder kann jeder wissen. 
Jedermann kennt die Kräfte oder Vermögen seines Inneren, 
deren Betätigung ihn vor anderen zum Menschen macht, oder 
kann sie kennen lernen; und jeder weifs, oder kann wissen, 
was es heifst, es leben solche Kräfte in mir sich aus, es befrie¬ 
digen sich solche Bedürfnisse, die nicht da und dort zufällig in 
mir auftauchen und Befriedigung fordern, sondern deren Befrie¬ 
digung mein innerstes Wesen fordert. Oder, wenn wir beides 
zusammenfassen, jeder kennt dasjenige, oder kann es kennen, 
das den Menschen im Innersten grofs und reich und frei, und 
jeder weifs, oder kann wissen, welcher Genufs ihn im Innersten 
froh und glücklich zu machen vermag. 
Im übrigen liegt es der Wissenschaft der Ethik ob, dies 
alles wissenschaftlich zu bestimmen. Die tiefsten ästhetischen 
Werte sind zugleich die höchsten ethischen Werte, wobei frei¬ 
lich die Ethik nicht verwechselt werden darf mit irgend welcher 
geltenden „Moral“. Ethisch wertvoll ist eben das Menschliche, 
d. h. alles Positive am Menschen. Das ethisch Wertvolle ist 
„der Mensch“, d. h. der Mensch, dem nichts Menschliches fremd 
ist, in dem alles Menschliche höchste Kraft hat, und in dem 
dies Menschliche in sich einstimmig, also nach einem einheit¬ 
lichen inneren Gesetz, und eben damit innerlich frei, sich aus¬ 
wirkt. Und ethisch wertvoll ist jedes freie „sich Ausleben“, 
d. h. jedes sich Befriedigen dieses „Menschen“ in mir. Oder 
wenn wir wiederum beides zusammenfassen: Ethisch wertvoll 
ist die möglichst kraftvolle, allseitige und in sich einstimmige 
oder freie Selbst- und Lebensbejahung. 
Gefühl der Tiefe und Weite. 
Und zu dieser Dimension der Tiefe kommt nun im ästhe¬ 
tischen Gefühl die Dimension der „psychischen Weite“. Wir 
sahen, das Einzelne, das wir erleben, strebt in uns sich „aus-
        

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