Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/522/
Erstes Kapitel: Qualitäten des Lustgefühls. 
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Dies Quantitätsgefühi oder Gröfsengefühl hat unendlich viele 
Grade. Zugleich aber schliefst es einen Gegensatz in sich. Es 
gibt innerhalb des Kontinuums der Quantitätsgefühle den Gegen¬ 
satz des Grofsen und des Kleinen, der dem Gegensatz der Lust- 
und Unlust vergleichbar ist. Das „Grofse“ ist das über eine 
Mitte flinausragende; das „Kleine“ ist das dahinter Zurück¬ 
bleibende. Diese Mitte ist ein relativer Indifferenzpunkt, ver¬ 
gleichbar dem Indifferenzpunkt zwischen Lust und Unlust. Was 
ihm angehört, hat freilich einen Grad der Quantität, aber es ist 
weder „grofs“ noch „klein“. — Damit hat sich also die Dreiheit: 
Lust, Unlust, Quantität in einen doppelten Gegensatz ver¬ 
wandelt. 
Beziehung des Lust- und Quantitätsgefühls. 
Die einfache Gegenüberstellung der beiden Gefühlsgegen¬ 
sätze „Lust und Unlust“ und „Grofs und Klein“ genügt nun 
aber nicht. 
Zuerst ist zu beachten, dafs dieselben sich durchkreuzen, 
dafs aber zugleich die Glieder des einen zu den Gliedern des 
anderen Gegensatzes in Abhängigkeitsbeziehung stehen. 
Dafs es so ist, sahen wir schon vorhin. Wird ein ange¬ 
nehmer Klang lauter, dann wächst das Lustgefühl, und mit ihm 
zugleich das Quantitätsgefühl. Oder vielmehr umgekehrt, das 
Lustgefühl wächst mit dem Quantitätsgefühl. Aber nicht endlos. 
Sondern, wenn die Lautheit und damit das Quantitätsgefühl 
weiter und weiter wächst, so nimmt das Lustgefühl ab und 
schlägt in ein Unlustgefühl um; und von jetzt an wächst mit 
dem Quantitätsgefühl zugleich das Unlustgefühl. 
Wie man sieht, liegt aber eine solche Abhängigkeit schon 
ausgesprochen in der Bezeichnung des Quantitätsgefühls als eines 
Grundgefühls für Lust und Unlust. Es ist ein Grundgefühl 
dieser Gefühle oder dieser Gefühlsfärbungen, so etwa wie die 
Empfindung der Helligkeit die Grundempfindung ist für alle 
Farben. Rot ohne Helligkeit, also absolut dunkles Rot, ist 
nicht mehr Rot. Das Rot kann heraustreten und immer röter 
werden, nur indem es zugleich immer heller wird. Die Heilig-
        

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