Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/499/
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Farbe, Ton and Wort. 
geurteilt wird, sondern es ist mir das Urteil in dem Satze 
gegeben; ich „höre“ es, indem ich den Satz höre. Ich urteile 
in und mit dem Sprechenden. 
Mit anderen Worten, das Verständnis der Sprache ist 
nicht Vorstellen, Wissen, Glauben. Es ist kurz gesagt, in 
keiner Weise ein intellektueller Akt, sondern es ist — Ein¬ 
fühlung. „Einfühlung“ ist ja das unmittelbare Erleben eines 
inneren Verhaltens oder Tuns in einem Objektiven, mir von 
aufsen Gegebenen. Es ist Objektivierung meiner selbst. Und 
eine solche liegt hier vor. Ich erlebe, was ich nicht sehen 
noch hören, sondern nur als mein eigenes Tun finden kann, 
in gehörten Worten. 
Auch hier ergibt sich das Intellektuelle freilich nachträglich. 
Es ergibt sich eben aus der Einfühlung. Es ist also ein 
Sekundäres. Es löst sich aus der Einfühlung heraus. Auf 
diefsen Prozefs braucht indessen hier nicht von neuem einge¬ 
gangen zu werden. Ich verweise dafür auf S. 125 ff. 
Ich füge noch hinzu: Wie in dem Satz, der ein Urteil aus¬ 
spricht, für mich das Urteil liegt, d. h., wie ich im Hören des 
Satzes selbst entsprechend urteile, so liegt für mich im 
sprachlichen Ausdruck des Wollens unmittelbar das Wollen. 
Ich stelle mir nicht blofs vor, dafs der Sprechende will, sondern 
ich erlebe eben dieses Wollen. Ich mache es innerlich mit. 
Dieses Mitmachen oder diese Einfühlung ist aber freilich 
nicht notwendig positive Einfühlung. Sie ist dies, wenn in mir 
kein Wiederspruch sich regt, wenn ich also von mir aus so 
urteilen bezw. wollen kann. Sie ist im Gegenfalle blofse Ten¬ 
denz des Mitmachens, oder ist eine Nötigung des Mitmachens, 
der ich mich widersetze. Und jemehr ich mich widersetze, desto 
mehr ist die Einfühlung negative; eine fühlbare Negation meiner 
selbst. Immer bleibt doch die Nötigung. Jedes gehörte Urteil 
und jede Kundgabe eines Willens schliefst die Nötigung zum 
entsprechenden Urteilen und Wollen in sich, oder hat „sug¬ 
gestive“ Kraft. Ich unterliege der „Suggestion“ widerstandslos, 
wenn mir, etwa in der Hypnose, die Fähigkeit des Widerstandes 
verloren gegangen ist. 
Den bezeichneten Sachverhalt können wir schliefsüch auch
        

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