Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/490/
Viertes Kapitel: Anfangsgründe der Musikästhetik. 
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Wechsel und Kampf, in welchem mit innerer Gesetzmäßigkeit 
der zur Herrschaft bestimmte Tonrhythmus zum einheitlich ab- 
schliefsenden Grundrhythmus des Ganzen wird, kurz die 
Melodie, strebt zur Höhe. 
Sofern die Bewegung der Ruhe, das Ganze des auf einer 
Basis aufgebauten Systèmes der Basis zustrebt und natürlicher¬ 
weise sich unterordnet, scheint die Melodie den tieferen Tonfolgen 
oder Stimmen untergeordnet. In der Tat besteht eine Art dieser 
Unterordnung. Aber wir müssen an dieser Stelle wiederum 
die doppelte Unterordnung, von welcher oben die Rede war. 
unterscheiden. Es besteht, so sahen wir, ein Gegensatz der 
mehr despotischen und der freieren Unterordnung. Dieser 
Gegensatz kommt auch hier zur Geltung. Die Tiefe hat vor 
der Höhe, aber auch die Hohe hat vor der Tiefe einen Vor¬ 
zug; die Höhe ist aufdringlicher, sie spannt die Aufmerksamkeit 
in höherem Grade. So nötigt sie das Ganze zur Unterordnung. 
Dagegen strebt die Bewegung von sich aus zur Ruhe, also zur 
Tiefe. 
Darnach stehen sich zwei Richtungen, in welchen die Unter¬ 
ordnung stattfindet, gegenüber. Das Ganze schwebt zwischen 
ihnen. Es schwebt zwischen der Höhe und der Tiefe, zwischen 
der gröfsten Bewegung und Spannung, und der Ruhe und 
Einheit. 
Dieser Gegensatz löst sich aber schliefslich, indem die 
Melodie in dem Schlufspunkt, der zugleich der Einheitspunkt 
des Ganzen ist, abschliefsend sich zusammenfafst. 
Tonrhythmen und Rhythmus im Grofsen. 
Jeder einzelne Ton ist nach dem Obigen Rhythmus; und 
jeder Ton ist im Ganzen entweder Grundrhythmus oder Diffe¬ 
renzierung eines Grundrhythmus; und das Ganze ist ein ein¬ 
heitliches System von Rhythmen. 
Dazu tritt dann der Rythmus im Grofsen, die gesetz- 
mäfsige Folge, Ordnung, Gliederung der Töne. Dafs die Töne 
und Tonverbindungen schon abgesehen davon Rhythmus sind, 
dies läfst den „Rhythmus im Grofsen“ zum Tonganzen in un-
        

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