Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/434/
Neuntes Kapitel: Musikalischer Rhythmus und Allgemeines. 421 
Ablaufsweise. Es läuft ab leicht oder schwer, kräftig oder 
kraftlos, rasch oder langsam, einförmiger oder mannigfacher, 
in schrofferen oder sanfteren Absätzen, in mehr oder minder 
lebendiger innerer Wechselwirkung seiner Elemente. 
Und hier nun gilt das psychologische Gesetz: ln der 
Rhythmik jedes psychischen Geschehens liegt die Tendenz, 
über sich hinauszuwirken, und das psychische Leben über¬ 
haupt nach sich zu rhythmisieren; d. h. es liegt in ihr die 
Tendenz, solche Erlebnisse in mir zu Kraft und Wirkung 
kommen zu lassen, und solche in mir mögliche Erinnerungen, 
Vorstellungen, Gedanken anklingen zu lassen, in deren Natur 
es liegt, in gleicher Rhythmik abzulaufen. Bildlich gesprochen: 
Jede Saite, die in mir angeschlagen wird, hat die Tendenz, 
verwandt gestimmte Saiten in mir, die an sich des Schwingens 
fähig sind, zum Mitschwingen zu bringen. Jedes psychische 
Geschehen weckt die seelische Resonanz, die es seiner Be¬ 
schaffenheit nach zu wecken vermag, sowie das Klingen 
einer Saite im System von Klaviersaiten, falls kein Dämpfer 
dies verhindert, die verwandt gestimmten Saiten zum Mit¬ 
schwingen bringt Jedes psychische Geschehen weckt über sich 
hinaus die „Resonanz des Gleichartigen“, d. h. in gleicher 
Rhythmik Verlaufenden, sowie die Klaviersaite die Resonanz 
weckt in anderen Saiten, und in jedem Falle in den Teilen des 
Resonanzbodens, die vermöge ihrer Spannung zu solcher Re¬ 
sonanz geeignet sind. 
Die „Resonanz“ als Stimmung. 
Dabei ist doch immer festzuhalten: Die Vorstellungen, Er¬ 
innerungen, Gedanken, die in mir durch ein psychisches Ge¬ 
schehen zum Anklingen gebracht werden, erfahren diese Wir¬ 
kung nicht, weil sie Vorstellungen von bestimmtem Inhalte 
sind, sondern wegen der natürlichen Weise ihres Ablaufes, 
oder der Art der inneren Erregung, die sie für mich bedeuten. 
Nicht als Vorstellungen bestimmten Inhaltes, sondern lediglich 
als Beispiele jener Rhythmik sind sie an das psychische Ge¬ 
schehen, das sie weckt, gebunden. Ihr Inhalt bleibt darum der
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.