Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/414/
Achtes Kapitel: Rhythmus und Reim. 
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Der Endreim scheidet und verbindet Verse. Er schliefst 
unmittelbar aufeinanderfolgende Verse zu einem Ganzen zu¬ 
sammen, oder verkettet oder verwebt Verse in minder einfacher 
Form. Dies alles je nach der Art der Anordnung der reimen¬ 
den Lautkomplexe. 
Aber der Reim scheidet und verbindet die ganzen Verse. 
Indem er die Schlufsbetonung und eventuell die ihr folgenden 
Silben heraushebt, und die Aufmerksamkeit darauf konzentriert, 
fafst er die ganzen Verse in höherem Grade in diesem letzten 
und endgültigen Einheitspunkt zusammen. Er macht sie also 
in höherem Grade zu geschlossenen Einheiten. Er betont die 
kompakte Masse des Verses. 
Und daraus folgt nun ein Mehrfaches. Der Reim stellt 
vermöge des bezeichneten Umstandes zunächst .zwei Forde¬ 
rungen an den Vers. Jede dieser Forderungen hat aber zu¬ 
gleich ihre negative Kehrseite. Durch jede derselben wird eine 
entgegenstehende Forderung aufgehoben. 
Einmal: — Der Reim wäre nichts als ein äufserliches An¬ 
hängsel der Verse, würde also dieselben für unser Gefühl nicht 
zu einer Einheit verbinden oder verweben, sondern sie erst 
recht einander fremd erscheinen lassen, wenn nicht die Verse, 
schon abgesehen vom Reim, als einander gleichartig oder inner¬ 
lich zu einander gehörig sich darstellten. Es gilt hier die all¬ 
gemeine Regel: Hinzufügung eines Gleichen zu einem Heterogenen 
bindet niemals ästhetisch, sondern erhöht den Eindruck der 
Fremdheit. Die durch den Reim aneinander gebundenen Verse 
müssen also einander in besonderem Grade gleichartig sein. 
Aber sie müssen, da sie durch den Reim im Ganzen 
aneinander gebunden sind, einander gleichartig sein als Ganze 
oder im Ganzen, hinsichtlich ihres Totalcharakters, für den 
Gesamteindruck. 
Damit tritt aber zugleich die Frage nach der Bildung der 
Verse im Einzelnen relativ in den Hintergrund. Je mehr 
im Ganzen das Ganze, die kompakte Masse, der Totaleindruck, 
das herrschende Moment ist, desto mehr wird das Einzelne 
bedeutungslos. 
Dies heifst zunächst, es mindert sich die Bedeutung des 
Lipps, Ästhetik I. 3. flufl. 26
        

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