Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/402/
Siebentes Kapitel: Fortsetzung. Wechselwirkung der Teile. 389 
Wiefern dies der Fall sein mufs, ergibt sich aus früher 
Gesagtem. In dem abgeschlossenen rhythmischen Ganzen, so 
sagte ich, ist die erste Bewegungseinheit die Basis. Die Basis 
erfordert Sicherheit, festes Gleichgewicht. Und dies nun wird 
verstärkt durch das Auseinandertreten der beiden Hauptbetonun¬ 
gen in der ersten Bewegungseinheit, oder das Auseinandergehen 
der Bewegungseinheit in zwei Hälften, von denen jede von 
einer der beiden Hauptbetonungen beherrscht ist. Es gibt also 
von den beiden Formen, die wir hier vergleichen, die zuerst 
erwähnte der Bewegung eine sicherere Basis. Sie ist vorzugs¬ 
weise geeignet zum völlig neuen Anfang einer Bewegung. Sie 
bedarf in minderem Grade der Anlehnung an Vorangehendes. 
Andererseits gehört zur vollen Differenzierung des rhyth¬ 
mischen Ganzen die klare Scheidung des Anstiegs und der 
Höhe oder Spannung, und des Abstiegs oder der Lösung. 
Durch solche Scheidung, insbesondere durch die darin liegende 
Loslösung und Verselbständigung des Abstieges, wird der Ab- 
schlufs des Ganzen gewichtiger, eindrucksvoller, kurz voll¬ 
kommener. Solcher Scheidung nun dient die Teilung der 
zweiten Bewegungseinheit in der zweiten der hier verglichenen 
Formen. Dies ist also die natürliche Form eines nach vor¬ 
wärts abgeschlosseneren Ganzen; sie ist in höherem Grade 
geeignet, den völligen Abschlufs einer Bewegung zu bezeichnen. 
Sie bedarf in geringerem Grade der Fortführung durch ein 
Folgendes. 
Was die erstere Möglichkeit betrifft, so kann hier wiederum 
als Beispiel das Schillersche Distichon über das Distichon an¬ 
geführt werden. Freilich ist dies nicht ein einfaches, sondern 
ein umfassenderes Ganze. Aber das Gesagte hat, wie im 
Kleinen, so auch im Grofsen Geltung. 
In diesem Distichon nähert sich der Hexameter „Im Hexa¬ 
meter steigt des Springquells flüssige Säule“, in besonderem 
Grade der einfachen rhythmischen Bewegungseinheit. Die zwei 
Hälften desselben fliefsen ohne fühlbare „Cäsur“ ineinander 
über. Die betonte Silbe des Wortes Hexameter trägt in dieser 
Einheit den Hochton, das „steigt“ den Tiefton. Darauf folgt 
der deutlicher in zwei Hälften zerfallende Pentameter. „Im
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.