Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/336/
Drittes Kapitel: Die rhythmische Bewegungseinheit. 323 
„Der Himmel ist blau“, ist der Himmel dasjenige, von dem etwas 
ausgesagt werden soll, der Gegenstand, um den es sich handelt, 
das Thema. Darauf weist der Satz zunächst hin; diesen Aus¬ 
gangspunkt stellt er zunächst fest. Aber nicht urn dabei zu 
bleiben, sondern um von da zur Prädizierung fortzugehen. Im 
Vollzug der Prädizierung ist die gedankliche Bewegung vollendet. 
Damit ist zunächst wiederum gesagt, wiefern jene beiden be¬ 
tonten Worte bezw. Silben ein Recht haben, betont zu sein. 
Ihre Stellung im Gedankenzusammenhang ist eine herrschende. 
Aber diese Stellung ist auch wiederum bei den beiden 
Worten eine grundverschiedene. Ich lege in jener gedanklichen 
Bewegung zunächst Nachdruck auf den „Himmel“. Ich konzen¬ 
triere darauf die apperzeptive Tätigkeit; ich verweile dabei; aber, 
wie gesagt, um von da fortzugehen. Das Verweilen ist zu¬ 
gleich ein Fortstreben. Dagegen kommt in dem „blau“ die 
Bewegung zur Ruhe, das Streben findet darin seine Befriedigung. 
Und dieser Sachverhalt nun findet in einem völlig neuen, 
bisher nicht erwähnten sinnlichen Elemente des Rhythmus 
seinen Ausdruck. Ich meine die Tonhöhe. Ich spreche das 
„Himmel“ in höherer, das „blau“ in tieferer Stimmlage. Die 
betonte Silbe von „Himmel“ hat einen Hochton, das „blau“ einen 
Tiefton. Der Hochton ist das natürliche Ausdrucksmittel jenes 
Strebens, der Tiefton das natürliche Ausdrucksmittei der zur 
Ruhe kommenden Bewegung. In jenem liegt „Spannung“, in 
diesem Lösung. Mit dieser „Spannung“ ist hier nicht gemeint 
die Anspannung der Auffassungstätigkeit, von der vorhin 
die Rede war. Diese findet in jeder Betonung statt. Es ist 
auch nicht gemeint die Spannung zwischen verschiedenen 
Hauptbetonungen. Sondern es ist gedacht an die Spannung, die 
allemal im unbefriedigten oder noch nicht befriedigten Streben 
liegt, die Spannung aus dem Gegensatz zwischen dem Streben 
und dem, wogegen es gerichtet ist. 
Auch diesen Sachverhalt nun müssen wir übertragen auf 
jede einfache oder minder einfache rhythmische Bewegungs¬ 
einheit, oder jeden einfachen oder minder einfachen „rhythmischen 
Satz“. Mit dem zu ihm gehörigen Gegensatz zweier Haupt¬ 
betonungen geht Hand in Hand der Gegensatz des Hochtons 
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