Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/327/
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Der Rhythmus. 
wird, dafs dieselbe in höherem Grade in abgeschlossene 
Daktylen, Anapäste u. s. w. zerfällt. Sondern davon findet in 
gewisser Weise auch wiederum das Gegenteil statt. Je weniger 
etwa das zweite unbetonte Element des Daktylus an die betonte 
Silbe dieses Daktylus unmittelbar gebunden ist, umsomehr kann 
es gleichzeitig gebunden erscheinen an die Betonung des fol¬ 
genden Daktylus. Die dreisilbigen „Füfse“ haben also zugleich 
eine lösende und eine verbindende Kraft. Sie lösen die Un¬ 
betonungen relativ von den Betonungen, mindern das Be¬ 
schlossensein des Ganzen in den Betonungen, lockern so 
die Festigkeit des Gesamtgefüges. Und sie verbinden sich 
untereinander in höherem Grade, sofern sie leichtere Über¬ 
gänge schaffen. Beides vereinigt sich in dem Einen: Sie er¬ 
zeugen eine flüssigere Fortbewegung; sie schaffen ein be¬ 
weglicher fortgehendes Ganze. 
Zugleich bleibt doch auch hier der Unterschied der drei 
Füfse in Kraft; vor allem die gröfsere Geschlossenheit des 
Anapästes, gegenüber dem Daktylus, und die unmittelbarere 
Bindung der beiderseitigen unbetonten an die betonte Silbe im 
Amphibrachys. 
Denken wir uns jetzt eine rhythmische Reihe ganz und 
gar aus Daktylen oder Anapästen oder Amphibrachyen be¬ 
stehend, dann „zerfällt“ diesem Charakter der einzelnen Einheiten 
gemäfs relativ am meisten das Ganze aus Anapästen, am min¬ 
desten das Ganze aus Daktylen; das Ganze aus Amphibrachyen 
steht in der Mitte. Das rein daktylische Ganze setzt ein, klingt 
aus, setzt wiederum ein u. s. w.; zugleich leitet die zweite der 
unbetonten Silben zum folgenden Glied u. s. w. Die rein ana- 
pästische Reihe zerfällt relativ in leicht einsetzende und schroff 
absetzende Sprünge. Das aus reinen Amphibrachyen bestehende 
Ganze gleitet fort in regelmäfsigem Auf- und Abwogen; es ist 
ein Fortgleiten von Bewegungen zu Bewegungen, die aber in 
sich selbst sozusagen Bewegungen auf der Stelle sind. 
Indessen hier mufs wiederum gesagt werden: Es gibt, von 
den Wortfüfsen abgesehen, keine Folgen von Daktylen oder 
Anapästen oder Amphibrachyen, sondern es gibt auch hier 
zunächst die einheitlich wogende Bewegung. Und auch hier
        

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