Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/323/
310 
Der Rhythmus. 
des Ganzen wird mehr oder minder ein Auf- und Abwogen, 
ein beiderseitiges Hineingenommensein der vorangehenden und 
der nachfolgenden unbetonten Elemente in die betonten; eine 
Gesamtbewegung mit aufeinanderfolgenden Höhepunkten, eine 
Wellenbewegung, vergleichbar der räumlichen Wellenlinie. 
Und dazu fügen wir gleich, was schon oben gesagt wurde: 
Es bleibt nicht bei der Gliederung der Reihe in Einheiten von 
zwei Elementen, sondern dazu tritt die Zusammenfassung von 
je zwei solchen Einheiten u. s. w. Damit entfernt sich die 
rhythmische Reihe weiter und weiter von der Folge abge¬ 
grenzter Trochäen und Jamben. Es entsteht das Bild einer 
komplizierten Wellenlinie, die sukzessive von höchsten Gipfeln 
durch niedrigere Wellenhöhen herabsteigt, bezw. durch solche 
zu den höchsten Gipfeln emporsteigt. Sind etwa zwei Trochäen 
wiederum trochäisch geordnet, so steigt die Welle von einer 
höchsten Anfangshöhe durch eine Zwischenhöhe herab. Das 
letzte Element des Ditrochäus ist untergeordnet dem dritten 
Element und durch dieses hindurch dem ersten. Und folgen 
sich zwei Ditrochäen, so ist wiederum jenes letzte Element zu¬ 
gleich auch relativ untergeordnet dem Anfangselement des 
zweiten Ditrochäus. Und schliefslich sind in jedem rhythmischen 
Ganzen alle unbetonten Elemente untergeordnet jedem betonten, 
jedem minder betonten, und durch diese hindurch jedem stärker 
betonten. 
Darnach dürfen wir bei der Betrachtung der rhythmischen 
Reihe gar nicht ausgehen von den Trochäen und Jamben, 
sondern das Erste mufs uns die Einheit der ganzen Reihe 
sein. Sie beginnt trochäisch oder jambisch, um dann in 
ihrem weiteren Verlauf bald mehr den einen, bald mehr den 
anderen Charakter zu haben. 
Wie es aber hiermit im einzelnen Falle bestellt ist, darüber 
entscheiden einzig die Worte und Wortverbindungen. Versteht 
man unter den „Versfüfsen“ Teile, in welche das rhythmische 
Ganze zerlegt ist, so sind die einzigen Versfüfse die „Wort- 
fiifse“. Ihr Anfang und Ende, ihre gröfsere Selbständigkeit oder 
gröfsere Zusammengehörigkeit, gliedern die auf- und abwogende 
Bewegung.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.