Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/276/
Drittes Kapitel: Die Stilisierung. 
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die Heraussonderung des Stilisierten aus dem allgemeinen 
Naturzusammenhang. Umgekehrt fordert solche Heraussonde¬ 
rung die verallgemeinernde Stilisierung. Was der Natur an¬ 
gehörig erscheint, mitten -in sie hineingestellt ist, und dem¬ 
nach ein Teil derselben zu sein beansprucht, mufs auch als 
solcher sich darstellen. Was aus ihr herausgenommen, isoliert, 
für sich gestellt ist, darf auch nicht mehr als Teil des Natur¬ 
zusammenhanges sich gebärden wollen. 
Damit ändert sich, wie man sieht, zugleich die „Freiheit“ 
der herausgesonderten Formen. Sie hört mehr und mehr auf, 
Freiheit im Sinne der freien, sich selbst überlassenen Natur zu 
sein, und nähert sich der Freiheit im Sinne der „frei“ sich 
verwirklichenden mechanischen Gesetzmäfsigkeit 
Und diese Stilisierung kann nun weiter und weiter gehen. 
Je weiter sie geht, desto mehr nähern sich die allgemeinen 
Bildungsgesetze den allgemeinsten Gesetzen des Geschehens in 
der Natur, d. h. den uns unmittelbar bekannten allgemeinsten 
mechanischen Gesetzen. Es nähern sich eben damit die Natur¬ 
formen der geometrischen Form, und gehen schliefslich ganz 
und gar in dieselbe über. 
So geben wir vielleicht einer Blume erst eine allgemeine 
oder Normalform, auf welche die Pflanze, wenn wir von den 
ablenkenden äufseren Einflüssen absehen, hinzuzielen scheint. 
Zuletzt aber wird sie zu einer rein mechanisch verständlichen 
Rosette. Oder der sich aufrollende Stengel wird zur geo¬ 
metrischen Spirale; der sich rankende Zweig zur geometrischen 
Wellenranke. 
Schliefslich kann man sagen: Auch die gerade Linie ist 
stilisierte Natur; sie ist die stilisierende Herauslösung und 
selbständige Veranschaulichung eines Gesetzes, das überall in 
der Natur, im Sichaufrichten des Menschen, im Wachstum der 
Bäume, im Falle eines Steines oder Blattes u. s. w., als all¬ 
gemeinstes Grundgesetz sich verwirklicht findet. 
Entwickelung der Stilisierung. 
Dies heifst doch nicht, dafs die geometrische oder orna¬ 
mentale Form aus einer ursprünglichen Nachahmung der Natur
        

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