Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/260/
Zweites Kapitel: Spezielleres zur Ästhetik einfacher romien. 247 
bestimmten Linie die Frage, ob solche Unterordnung mir ohne 
Rest gelingt, ob mir die Formen aus den in ihnen selbst ge¬ 
gebenen Kräften oder Tätigkeiten nach mechanischer Gesetz- 
mäfsigkeit begreiflich werden. Gesetzt, dies ist der Fall, dann 
erst sind die Formen in Wahrheit in sich selbst mechanisch 
gesetzmäfsig. Und dann sind sie frei. Und diese Freiheit ist 
ihre Schönheit 
Bei diesem Begriff der Freiheit müssen wir aber einen 
Augenblick verweilen. Ich fühle mich selbst frei, wenn in mir 
der Grund meines Tuns liegt, wenn in meinem Tun das, was in 
mir ist, durch nichts Fremdes gehemmt sich auswirkt. So ist 
auch die räumliche Form frei, in welcher das, was in ihr liegt, 
ungehemmt sich auswirkt. Dies heifst aber, dafs die in ihr 
selbst liegenden Kräfte ihrer eigenen Gesetzmäfsigkeit gemäfs 
sich auswirken. 
Diese Kräfte sind, sofern sie der Form als Einheit zu¬ 
kommen, nicht einem Stück derselben, Lebensmöglichkeiten 
und Lebensbetätigungen eines Individuums, eines einzigen 
von mir eingefühlten Ich. Es ist also die Freiheit der Form 
die von mir in die Form eingefühlte Freiheit eines Individuums, 
und im letzten Grunde Freiheit des Individuums, das ich ,,mich 
selbst“ nenne. 
Dabei ist doch Eines immer festzuhalten: Das erste Funda¬ 
ment der Einfühlung ist dies, dafs ich überhaupt betrachtend 
in der Form bin. Und ich bin, wenn die Einfühlung eine voll¬ 
kommene ist, betrachtend ganz darin. Ich bin also in der 
Einfühlung nicht dies reale Ich, sondern bin von diesem 
innerlich losgelöst, d. h. ich bin losgelöst von allem dem, was 
ich aufser der Betrachtung der Form bin. Ich bin nur dies 
ideelle, d. h. dies betrachtende Ich. Als solches also fühle ich 
in der Form mich frei, und lebe in ihr frei mich aus. 
Und soweit nun diese Einfühlung besteht, sind Formen 
schön. Die Schönheit räumlicher Formen ist dies mein „ideelles“ 
freies Sichausleben in ihnen. Dagegen ist die Form häfslich, 
wenn ich dies nicht vermag, wenn ich mich in der Form oder 
in ihrer Betrachtung innerlich unfrei, gehemmt, einem Zwange 
unterliegend fühle.
        

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