Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/241/
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Raumästhetik. 
Richtung der Linien. Der Unterschied in der Richtung 
der horizontalen und der vertikalen Linie etwa ist nicht 
ein geometrischer, sondern ein mechanischer Unterschied. 
Die vertikale Richtung ist die Richtung, in der die Schwere 
wirkt, und die unmittelbare Gegenwirkung gegen die Schwere 
geschieht; die horizontale ist die zu diesem Gegensätze 
neutrale. 
Mechanisches also liegt zunächst in der Linie. Sie ist 
Gegenstand einer mechanischen „Interpretation“. Ihre Regel¬ 
mäfsigkeit ist nicht nur geometrische Regelmäfsigkeit, sondern 
mechanische Gesetzmäfsigkeit. Ein einziger Bewegungsimpuls 
verwirklicht sich in der geraden Linie völlig frei, d. h. ohne 
durch irgend etwas gestört oder abgelenkt zu sein. 
Die mechanische Gesetzmäfsigkeit als Grund der 
Wohlgefälligkeit. 
Diese mechanische.. Gesetzmäfsigkeit nun mufs für die 
Wohlgefälligkeit der Linie Bedeutung haben. Auch sie ist eine 
Art der Regelmäfsigkeit. Gefällt also, wie wir soeben wiederum 
konstatierten, die Regelmäfsigkeit, so mufs auch diese Regel¬ 
mäfsigkeit gefallen. Die qualitative Einheitlichkeit des mecha¬ 
nischen Geschehens, die wir in der Linie finden, mufs Grund 
eines Lustgefühles sein. 
Aber wir können sofort weiter gehen und sagen: Diese 
mechanische Gesetzmäfsigkeit kommt zur geometrischen Regel¬ 
mäfsigkeit nicht als eine neue Bedingung der Wohlgefälligkeit 
hinzu; sondern sie ist die Bedingung. 
Man redet in der Architektur von Profilen, die die Form 
eines Halb- oder Viertelskreises haben. Aber bei genauerem 
Zusehen sind diese Profillinien keine Halb- oder Viertelskreise, 
sondern von diesen geometrisch regelmäfsigen Formen erheb¬ 
lich verschieden. Das , Halbkreisprofil“ etwa eines Wulstes oder 
einer Einziehung an einer Säule stellt sich dar als ein abge¬ 
platteter, also verschobener Halbkreis, oder als eine abgeplattete, 
also verschobene Ellipse. Oder man vergegenwärtige sich den 
architektonischen Korbbogen. Derselbe ist eine Linie, in welcher,
        

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