Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/234/
Neuntes Kapitel: Zusätze zur Natureinfühlung. 
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beschämenden Erlebnis, das vorausging, selbst. Dieses weckte 
ja an sich das Gefühl des Ärgers oder der Beschämung; und 
auch dies ist kein Stimmungsgefühl. 
Und demgemäl's erscheint mir denn auch das Gefühl, näm¬ 
lich das Stimmungsgefühl, nicht bezogen auf die inhaltlich 
bestimmten gegenwärtigen Erlebnisse. Diese sind mir, als 
einzelne und im Ganzen, Träger eines eigenen Gefühls. Und 
davon bleibt das Stimmungsgefühl gesondert. Wird mir etwa 
Schönes geboten, so setze ich das Stimmungsgefühl nicht auf 
Rechnung desselben. Ich sage: Was ich hier sehe oder höre, 
ist so schön, wie es auch sonst ist; aber ich bin nicht in der 
Stimmung es zu geniefsen. Kurz, ich habe ein unmittel¬ 
bares Bewufstsein davon, dafs nicht diesem oder jenem Erleb¬ 
nis, sondern der dazu kommenden Stimmung, der besonderen 
Weise, die Erlebnisse zu erleben, das Gefühl gilt. 
Oder ich bin in einer besonderen körperlichen Verfassung; 
mein körperliches Leben ist ein besonders freies, leicht und 
kraftvoll ablaufendes, angeregtes. Dann läuft auch mein ge¬ 
samtes psychisches Leben freier und leichter ab. Auch hier 
wiederum besteht die „Stimmung“ nicht in einzelnen Erlebnisseh, 
sondern eben in dieser gesamten Ablaufsweise des psychischen 
Geschehens. Wiederum beziehe ich dementsprechend das 
Stimmungsgefühl, das in diesem Falle ein Lustgefühl ist, nicht 
auf die einzelnen Erlebnisse, sondern auf die Stimmung. Werde 
ich gefragt, was mich denn jetzt so erfreue, oder welches 
besonders Angenehme mir begegnet sei, oder mir vorschwebe, 
so sage ich: Es ist nicht dies noch das; ich bin nur eben in 
der rosigen Stimmung. 
Dieser Sachverhalt ist merkwürdig, und der besonderen Be¬ 
achtung des Psychologen und Ästhetikers wert. Man bedenke, 
diese allgemeine Ablaufsweise des seelischen Lebens ist nicht 
etwas, das meinem Bewufstsein vorschweben oder als Bild 
gegenübertreten kann, so wie ein Berg oder Haus, die ich wahr¬ 
nehme oder vorstelle, oder auch wie ein Akt meines Wollens, 
oder der an ein bestimmtes Erlebnis geknüpfte Affekt des 
Zornes. Ich kann die Stimmung wohl mit einem allgemeinen 
Namen benennen. Aber ich kann sie nicht mit der Vorstellung
        

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