Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/227/
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Der Mensch und die Naturdinge. 
mir dieselben immer nur in Gestalt vorgestellter Inhalte. Ich 
sehe nicht die Kühle oder Wärme, empfinde nicht schmeckend 
das Saftige der Frucht, sondern ich sehe es den Gegen¬ 
ständen an. 
Es bestehen aber in diesem Punkt, d. h. hinsichtlich des 
unmittelbaren Mitgegebenseins von Qualitäten der niederen Sinne 
in den Gesichtswahrnehmungen, wiederum erhebliche Unter¬ 
schiede zwischen den einzelnen Sinnesgebieten. Ich erwähnte 
vorhin unier anderem die Gerüche. Mit ihnen scheint es in 
diesem Punkte übel bestellt. Ich kann nicht finden, dafs bei 
der gemalten Rose irgendwie der mir bekannte Geruch der 
Rose und seine belebende Wirkung mitspricht. Und Analoges 
gilt vom Geschmack. Ich erwähnte oben auch die Empfindung 
der Saftigkeit der Frucht. Diese aber ist nicht sowohl eine 
Geschmacks-, als eine Tastempfindung. 
Dagegen scheinen die Tastqualitäten in erheblichem Grade 
ästhetisch in Betracht zu kommen. Ich denke etwa an die 
Weichheit und Härte, die Rauhigkeit oder Glätte eines Gewebes, 
eines Fufsboden- oder Wandteppichs, eines Gewandes. Auch 
diese Qualitäten sehe ich nicht. Aber ich sehe sie dem Ge¬ 
webe unmittelbar an. Und. ich habe zugleich in der Betrachtung 
des Weichen unmittelbar das Wohlgefühl, das dasselbe, durch 
seine Nachgiebigkeit, in der Berührung spendet; in der Be¬ 
trachtung des Glatten das Gefühl der Freiheit des Darüber- 
gleitens, das mir durch die Glätte ermöglicht wird, in der 
Betrachtung des Harten und Rauhen das Gefühl des bedrohlich 
Agressiven, meiner Behaglichkeit Feindlichen. Auch hiervon 
wird später noch die Rede sein. 
Unmittelbar zu den Tastempfindungen können weiterhin 
die Empfindungen der Wärme und Kühle gerechnet werden, die 
oben schon besonders hervorgehoben wurden. In jedem Falle 
gehören sie zu denjenigen, die wir am meisten den Gegen¬ 
ständen „ansehen“. Doch wiederum nur in bestimmterWeise. 
Wir sehen die Kühle dem Schatten, die Wärme dem Sonnen¬ 
schein an. Und dabei verspüren wir etwas von dem Be¬ 
lebenden der Wärme und dem Erfrischenden der Kühle.
        

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