Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/217/
204 
Der Mensch und die Naturdinge. 
dingungen, vor allem der eigenartigen „Lebenskraft“, die im 
Eichbaum waltet, gewisse feste Grundformen der Bildung und 
des Verhaltens hervorgehen lassen kann und mufs. Und wir 
verstehen ebenso, wie die unendliche Mannigfaltigkeit des 
Spieles der Naturkräfte, der Kräfte im Baume, der Kräfte 
im Boden, und endlich der Kräfte von Luft und Licht, Wetter 
und Wind, Wärme und Kälte, die auf den Baum wirken, die 
unberechenbaren Zufälligkeiten der Differenzierung der Grund¬ 
formen im Einzelnen ergeben kann, und wiederum mufs. 
Gesetzmäfsigkeit und „Freiheit“ in der Natur. 
Auch diese naturgesetzlich verständlichen Merkmale des 
Naturobjektes nun, die festen Gewohnheiten und die unberechen¬ 
baren Zufälligkeiten, gewinnen ihre ästhetische Bedeutung, indem 
das Naturobjekt vermenschlicht und in ein Individuum ver¬ 
wandelt wird. Jetzt erscheinen uns die Naturgewohnheiten wie 
feststehende Gewohnheiten eines Individuums, bleibende Grund- 
ziige einer Weise desselben, sich zu betätigen. Wo wir der¬ 
gleichen finden, sprechen wir wiederum von Charakter. Einen 
solchen Charakter hat also der Baum in seinen feststehenden 
Eormgewohnheiten. Sie sind auch bei ihm in seinem inneren 
Wesen gegründete Gewohnheiten, sich zu betätigen, auszu¬ 
wirken, auszuleben. 
Und die Zufälligkeiten der Natur erscheinen wie die 
unberechenbaren, in keine Regel fafsbaren, nicht in starre Ge¬ 
wohnheiten eingeschlossenen Weisen des Menschen im Einzelnen 
sich zu verhalten. Sie erscheinen wie spontane Impulse, ein 
der Regel spottendes, freies, oder auch launenhaftes Spiel, kurz, 
sie erscheinen als Ausdruck der Freiheit, nämlich der Freiheit, 
die der Vorausberechenbarkeit, dem mechanisch Gesetzmäfsigen, 
dem Automatischen, gegenübersteht 
Solche Freiheit hat beim Menschen Wert, weil sie Zeichen 
ist des Reichtums der Persönlichkeit, der vielseitigen Empfäng¬ 
lichkeit und Erregbarkeit, des unendlichen Spieles seelischer 
Kräfte. Sie ist erfreulich, weil es um solchen Reichtum eine 
erfreuliche Sache ist. Und so ist es auch eine erfreuliche Sache
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.