Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/201/
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Der Mensch und die Naturdinge. 
Auffassung ist Tätigkeit; und diese Tätigkeit ist zunächst meine 
Sache. Aber ich vollziehe sie nicht willkürlich, sondern der Fels 
fordert mich dazu auf. Er weist mich von Punkt zu Punkt fort. 
Indem ich den Felsen betrachte, oder zum Gegenstand meiner 
Aufmerksamkeit mache, erlebe ich den Drang oder die Nötigung 
des Fortgehens von Punkt zu Punkt. Ich erlebe ihn unmittelbar 
in dem Felsen und aus ihm heraus. Ich fühle das Streben als 
ein von dem Felsen, so wie er ist, herkommendes. Indem ich 
den Felsen sukzessive entstehen lasse, verwirklicht sich also 
zugleich etwas, das in seiner eigenen Natur liegt. Mein Tun 
ist zugleich sein Tun. Der Fels entsteht durch mich, und er 
entsteht doch wiederum durch sich oder aus sich selbst. 
Hier kann man einwenden: Die fragliche Tätigkeit sei doch 
zugestandenermafsen Tätigkeit meiner Auffassung. Scheine 
diese im Felsen zu liegen, so scheine demnach der Fels sich 
selbst aufzufassen. Dies aber sei Widersinn. 
ln der Tat wäre dies Widersinn. Aber die Voraussetzung 
für die Konstruktion desselben ist falsch. Die Tätigkeit ist in 
Wahrheit meine Auffassungstätigkeit. Sie ist die Tätigkeit 
meines Fortgehens und Hinzunehmens. Aber sie erscheint als 
meine Auffassungstätigkeit, allgemeiner gesagt, als mein an 
dem Felsen vorgenommenes oder ihm gegenüber verwirk¬ 
lichtes Tun erst in der Gegenüberstellung meiner und des 
Felsen. Sie erscheint so erst dann, wenn ich das Streben als 
aus mir kommend und auf den Felsen als ein mir gegen¬ 
überstehendes Objekt bezogen erkenne. 
Solange dagegen solche Gegenüberstellung fehlt, ist das 
Gefühl der Auffassungstätigkeit nichts als ein Gefühl der 
Tätigkeit oder des Tuns überhaupt. Es ist ein Gefühl des 
Tuns, das sich knüpft an jene Bewegung, d. h. an jenes 
sukzessive Werden des Felsen. 
Von solcher Gegenüberstellung meiner und des Felsen ist 
aber eben hier ganz und gar keine Rede. Sondern die Voraus¬ 
setzung ist: Ich betrachte den Felsen, und bin betrachtend in 
ihm. Und dabei nun erlebe ich das Streben und Tun nicht 
als ein aus mir stammendes und gegen den Felsen gerichtetes, 
sondern als ein aus dem Felsen stammendes; die Tätigkeit ist
        

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