Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/197/
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Der Mensch und die Naturdinge. 
des Baumes sind da durch den Stamm; sie wären nicht da, oder 
wären nicht an ihrer Stelle, ohne ihn. Und der obere Teil des 
Felsen wäre nicht da, wo er ist, ohne den unteren. Der untere 
Teil nötigt mich, den oberen als da oben seiend und verharrend 
zu denken. Er „trägt“ ihn. Auch dieses „Tragen“ ist ein in die 
unteren Teile des Felsen eingefühltes Tun, die Verwirklichung 
eines Strebens. Es ist seinem Ursprünge nach wiederum nichts 
als das von mir erlebte, erfahrungsgemäfse Streben, oder die 
erfabrungsgemäfse Nötigung, um des unteren Teiles des Felsen 
willen den oberen an seiner Stelle verharrend zu denken. 
Damit zugleich hat der untere Teil des Felsen eine „Kraft“. Da 
es in dem Felsen überall untere und obere Teile gibt, so sind 
in dem Felsen überall solche „Kräfte“ des „Tragens“. Zu ihnen 
kommt die Schwere, die Härte, die Festigkeit u. s. w. Auch 
dies sind Kräfte, Strebungen, Aktivitäten, die wir in den 
Felsen einfühlen. 
Auch jenes im Tragen bestehende Tun nun verläuft notwendig 
in der Zeit. Wie aber ist dies möglich, wenn doch der Fels 
ein sirnuitan Gegebenes ist? 
Die Antwort hierauf ist gegeben, wenn wir bedenken, dafs 
der bezeichnete Gegensatz des Simultanen und des Sukzessiven 
in unserer Betrachtung doch auch wiederum nicht besteht. 
Die Betrachtung selbst hebt ihn auf. So gewifs der vor mir sich 
auftürmende Fels simultan gegeben ist, so gewifs vollzieht sich 
meine Auffassung desselben naturgemäfs sukzessiv. Ich fasse 
nacheinander in stetigem Zuge Teil um Teil auf. Dadurch 
entsteht der Fels. Nicht an sich oder in physikalischer Wirk¬ 
lichkeit Es entsteht auch nicht das Gesichtsbild desselben. 
Sondern der Fels entsteht in meiner Auffassung oder für mèine 
Auffassungstätigkeit. Der Fels als Gegenstand meiner Auf¬ 
fassung aber, dies ist es allein, worum es sich hier handelt. 
Damit ist der Gegensatz des Sukzessiven und des Simul¬ 
tanen — nicht überhaupt, aber soweit er hier in Betracht kommt, 
aufgehoben. Und damit verstehen wir, wie auch beim Felsen 
das Verursachen für uns ein Tun sein kann. 
Die Erwähnung dieser sukzessiven Apperzeption führt uns 
nun aber zu einer weiteren allgemeinen Einsicht. Wir sind
        

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