Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/176/
Fünftes Kapitel: Übergang zur Natureinfühlung. 
163 
die Arme ausbreiten. Dieses Stehen und Ausbreiten ist, wie 
bei uns, eine Überwindung der Schwere, oder ein Standhaiten 
gegen sie. Wie sollte der Baum oder Fels dies vermögen, ohne, 
wie wir, sich zusammenzunehmen und gegen die Schwere zu 
arbeiten? 
Der Trieb der Vermenschlichung. 
In solchen Fällen scheint die Vermenschlichung ohne wei¬ 
teres verständlich. Sie ergibt sich, so scheint es, unmitelbar aus 
der Ähnlichkeit der Formen und Bewegungen, die wir in der 
Natur beobachten, mit denen, die wir hervorbringen, bezw. an uns 
finden. Nachdem einmal die äufsere Erscheinung des Menschen, 
seine Laute, Formen, Bewegungen, mit dem Leben, das wir in 
uns finden, erfüllt sind, können wir nicht umhin, mit den ver¬ 
wandten Lauten, Formen, Bewegungen in der Natur in analoger 
Weise zu verfahren. So gelangen wir in unserer Vermensch¬ 
lichung in stufenweisem Fortgang von des Menschen äufserer 
Erscheinung durch die Tier- und Pflanzenwelt hindurch bis 
zur Welt des Unorganischen. 
Indessen unsere Vermenschlichung geht über die hiermit 
bezeichneten Grenzen weit hinaus. Es gibt schHefslich nichts 
in der Natur, dem wir nicht die Vermenschlichung angedeinen 
lassen. Kein Dasein und Geschehen in der Natur entgeht 
unserem Streben, uns mitfühlend in dasselbe hineinzuversetzen. 
Und dabei sehen wir uns von der Ähnlichkeit der Formen und 
Bewegungen in der Natur mit den Formen und Bewegungen 
des menschlichen Körpers überall im Stich gelassen. 
Die Natur ist uns überall lebendig. Überall, wie gesagt, sehen 
wir Aktivität, Passivität, Streben, Tun, Erleiden. Vielmehr, wir 
sehen von allem dem nichts. Was die Wahrnehmung uns 
zeigt, ist nichts als einfaches Dasein und Geschehen. Das übrige 
ist unsere Zutat 
Was nun treibt uns zu solcher Vermenschlichung? Man 
kann hier verweisen auf zwei Momente; auf zwei Triebfedern, 
die freilich nahe Zusammenhängen. Einmal: Nichts liegt uns 
gefühlsmäfsig näher, und ist uns interessanter und wichtiger, 
n*
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.