Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/173/
160 
Der Mensch und die Naturdinge. 
nächst nur kurz meinen Blick auf die Tierwelt. Tiere be¬ 
trachten wir als beseelt. Niemand kann zweifeln, dafs wir 
von einem seelischen Leben der Tiere nur wissen, weil wir 
den tierischen Lebensäufserungen ein dem unsrigen gleich¬ 
artiges seelisches Leben, ein Ich, zu Grunde legen. Dies ist 
seinem Ursprung nach mein eigenes. Indem ich dieses see¬ 
lische Leben zur äufseren Erscheinung des Tieres nicht nur 
hinzuvorstelle, oder hinzudenke, sondern es innerlich erlebe, 
wird mir die äufsere Erscheinung des Tieres ästhetisch ver¬ 
ständlich, und gewinnt damit ästhetische Bedeutung. 
Warum nächst der äufseren Erscheinung des Menschen 
die des Tieres ein besonders unmittelbarer Gegenstand unserer 
Einfühlung sein kann, ist deutlich. Die tierischen Lebens¬ 
äufserungen, und die Formen des tierischen Körpers, sind den 
unsrigen am meisten vergleichbar. Zugleich sind sie doch 
davon verschieden. Darum fühlen wir in die tierische äufsere 
Erscheinung nicht ein Ich ein von derselben Art, wie in die 
menschliche Erscheinung, sondern wir modifizieren dieses Ich 
entsprechend der anderen Beschaffenheit der tierischen Formen. 
Soweit uns diese modifizierende Einfühlung gelingt, hat das 
Tier für uns seine eigentümliche ästhetische Bedeutung. 
Damit ist doch nicht ausgeschlossen, sondern eingeschlossen, 
dafs Erfahrungen, die wir an den Tieren selbst machen, über 
ihre Beweglichkeit und Leistungsfähigkeit, zu dieser ästhetischen 
Bedeutung beitragen. Schliefslich beruht aber die Interpretation 
dieser Erfahrungen wiederum auf dem, was wir an uns er¬ 
fahren haben. Sind uns einmal Bewegungen und Formen beim 
Menschen, insbesondere sichtbare Leistungen des menschlichen 
Körpers, zum Symbol für eine Weise der inneren Lebensbetäti¬ 
gung geworden, so haben wir damit zugleich eine Regel, nach 
welcher wir auch die tierischen Lebensäufserungen auf ein ent¬ 
sprechendes Innere, entsprechende Kraft, Gewandtheit, auch 
Klugheit u. s. w. deuten. 
Hierauf gehe ich nicht weiter ein. Nur noch zwei Be¬ 
merkungen seien gestattet. Einmal: Eine Bestätigung des Ge¬ 
sagten liegt darin, dafs wir am Bestimmtesten in diejenigen 
tierischen Formen uns einfühlen, die den unsrigen am nächsten
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.