Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/163/
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Der Mensch und die Naturdinge. 
baren Grund, wie jedes Gefühl, in einem psychischen Ge¬ 
schehen. Jedes Gefühl überhaupt ist Bewufstseinsausdruck 
oder begleitendes Phänomen einer Weise des psychischen 
Lebensablaufes. Meinen psychischen Lebensablauf bestimmt 
also die wahrgenommene Form, indem ich sie betrachte, und 
ihr betrachtend hingegeben bin. Sie gibt diesem psychischen 
Lebensablaufe Impulse, schafft ihm eine besondere Rhythmik. 
Diese erlebe ich in jenen Formen; diese fühle ich in sie hinein. 
Ich sagte oben spezieller, ich fühle in die fraglichen Formen 
Kraft, Gesundheit, schwellendes, blühendes Leben ein. Damit 
war gemeint die fühlbare Kraft und Gesundheit, das fühl¬ 
bare Leben. Und fühlen kann ich nun einmal nur Psychisches. 
Körperliche Zuständlichkeiten, Arten der „Rhythmik“ des körper¬ 
lichen Lebens sind für mich fühlbar, nur sofern sie zu psy¬ 
chischen werden, oder den psychischen Lebensablauf bestimmen, 
meinem psychischen Dasein Kraft, Regsamkeit, Reichtum, Frei¬ 
heit verleihen. 
Wie diese Impulse, abgesehen von meinem Gefühl, aussehen, 
davon weifs ich nichts. Ich habe sie nur eben im Gefühl; in 
jedem Falle aber sind sie anderer Art als jene, die ich erlebe, 
wenn ich aus der ästhetischen Betrachtung heraustrete, wenn 
ich aufhöre, betrachtend in den Formen zu weilen, und statt 
dessen mich, als den geschlechtlich anders Gearteten, den wahr¬ 
genommenen Formen gegenüberstelle; kurz als die Antriebe, in 
welchen der sexuelle Instinkt besteht. 
Auch dies ist noch hinzuzufügen: Ich fühle jene eigentüm¬ 
liche Rhythmik des seelischen Lebensablaufes in den wahr¬ 
genommenen Formen. Ob auch der Träger der Formen selbst 
etwas dergleichen fühlt, ist völlig gleichgültig. 
Der hier bezeichnete Sachverhalt ist für uns wiederum 
ein relativ neuer. Es liegt darin eine neue Erweiterung des 
Prinzips, das uns die Schönheit menschlicher Formen erklärt. 
Optisch wahrgenommene Formen, so sehen wir jetzt, wecken 
in uns nicht nur Impulse zur Nachahmung, d. h. zu solchen 
Bewegungen, wodurch für einen anderen eben diese optischen 
Bilder erzeugt werden. Sie wecken auch nicht blofs Impulse 
zu solchen Bewegungen, zu denen die wahrgenommenen Formen
        

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