Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/162/
Viertes Kapitel: Die ruhenden Formen des menschlichen Körpers. 149 
auch mein geschlechtlich differenziertes Ich, ganz und gar 
aufser Frage lasse. 
Kurz gesagt, in der ästhetischen Betrachtung des mensch¬ 
lichen Körpers bin ich, soweit der Unterschied zwischen Mann 
und Weib ein sinnlich geschlechtlicher, also nicht ein Charakter¬ 
oder Temperamentsunterschied ist, schlechterdings nicht Mann 
noch *Weib. Ich bin so wenig dieses sinnlich geschlechtlich 
differenzierte Individuum, als ich in der ästhetischen Betrach¬ 
tung einer Landschaft Bauer, in der ästhetischen Betrachtung 
eines Baumes Holzfäller oder Zimmermeister bin. Daher denn 
auch die ästhetische Betrachtung weiblicher Formen für das 
Weib dieselbe Sache ist, oder sein kann, wie für den Mann, 
und umgekehrt. 
Dies liegt nicht nur im Sinne der ästhetischen Einfühlung, 
sondern so sagt es die Erfahrung jedem, der einmal die Formen 
des menschlichen Körpers ästhetisch betrachtet hat. Ich fühle 
in den schönen weiblichen Formen ein eigenartig kraftvolles, 
gesundes, schwellendes, blühendes Leben; ich habe ein körper¬ 
liches Wohlgefühl, das nirgends anders als in den wahr¬ 
genommenen Formen lokalisiert ist; ein Wohlgefühl, das ich 
als derjenige, der ich sonst bin, nicht haben kann; d. h. das 
ich nicht haben kann als Mann; das zu haben mir einzig ver¬ 
gönnt ist im Akte der ästhetischen Betrachtung; eine Be¬ 
reicherung meines Lebensgefühles über mein reales Ich hinaus. 
Und es ist mir unmittelbar deutlich und gewifs, dafs mein 
Schönheitsgefühl durchaus daran haftet. Ich finde mich in der 
ästhetischen Betrachtung solcher Formen durch die Formen 
hindurchsehend, und auf das eigentümliche Leben hinsehend, 
und finde daraus ein Glücksgefühl mir erwachsend, das ich sonst 
nicht kenne. Ich bezeichnete soeben dieses Gefühl als körper¬ 
liches Wohlgefühl; gemeint ist damit nicht ein Gefühl, das der 
Körper fühlte, sondern ein eigentümliches Selbst- und Lebens¬ 
gefühl, gleichartig demjenigen, das ich sonst aus dem Ablauf 
meines körperlichen Lebens gewinne, und darum auf meinen 
Körper und mein körperliches Leben beziehe oder daran knüpfe. 
Im übrigen findet dieses Gefühl statt, da wo jedes Gefühl 
stattfindet, nämlich in der Seele, und es hat seinen unmittel-
        

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