Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/107/
94 
Die allgemeinen ästhetischen Formprinzipien. 
tum, der Kraft, der Mannigfaltigkeit und feinen Abgestuttheit 
meiner Erfahrungen und meines Innenlebens. Und ich mui's 
ihn finden lernen. D. h. ich mufs lernen, dem objektiv Ge¬ 
gebenen mich hinzugeben und zu hören, was es mir sagt. 
Dai's ich ihn aber unter dieser Voraussetzung wirklich finde, 
liegt begründet in allgemeinen psychologischen Gesetzmäfsig- 
keiten. 
Ästhetische Werte entstehen, kurz gesagt, — nicht an sich, 
aoer für mich, d. h. es entsteht meine Wertung der Werte, in¬ 
dem solches mir objektiv geboten wird, das allgemeiner psycho¬ 
logischer Gesetzrnäfsigkeit zufolge im Inhalte meines Geistes 
einen bestimmten „Widerhall“ finden kann. Dazu ist aber 
zweierlei erforderlich: Das Objektive einerseits, und das Sub¬ 
jektive, der Inhalt meines Geistes, und die Erziehung zu jener 
„Hingabe“ andererseits. 
Und die Geschichte der Wertungen, oder die Geschichte des 
Geschmackes in der Menschheit, ist die Geschichte des sukzes¬ 
siven Eintretens von Objekten in den Gesichtskreis der Menschen, 
des Auftauchens von Formen und Ausdrucksmitteln, wodurch 
nach psychologischen Gesetzen ein „Widerhall“ im Inhalt des 
Geistes der Menschen geweckt werden kann; und sie ist die 
Geschichte des menschlichen Geistes, seiner Inhalte und seiner 
„ästhetischen Erziehung“, d. h. seiner Erziehung zu jener „Hin¬ 
gabe“, geschehe dieselbe nun durch Menschen oder durch 
Umstände. Sie ist dagegen nicht die Geschichte jener psycho¬ 
logischen Gesetze, also auch nicht die Geschichte ästhetischer 
Prinzipien, da diese nichts sind als diese psychologischen 
Gesetze. Diese, also auch die ästhetischen Prinzipien, haben 
keine Geschichte. Sie können für uns keine haben. Wesen, 
deren psychische Gesetzrnäfsigkeit eine andere wäre als die 
unsrige, sind für uns unvorstellbar. 
Man redet jetzt überall von Entwickelung. Und man hat 
vielleicht ein eigenes Gefühl des Stolzes, wenn man das Wort 
„biologische Entwickelung“ in den Mund nimmt. So hat man 
auch von einer biologischen Entwickelung des Geschmacks 
gesprochen. Und man schien dabei mitunter an die Entstehung 
völlig neuer Prinzipien des Geschmacks zu denken. Dies ist
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.