Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst. Erster Teil: Grundlegung der Ästhetik
Person:
Lipps, Theodor
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39642/104/
Sechstes Kapitel: Vermeintliche ästhetische Prinzipien. 
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Sechstes Kapitel: Vermeintliche ästhetische Prinzipien. 
Prinzip der „Gewohnheit“. 
Anhangsweise erwähne ich endlich noch ein angebliches 
ästhetisches Formprinzip, das in Wahrheit kein Recht auf diesen 
Namen hat. 
Auf die Frage, was denn mache, dafs neue Formen, die 
erst mit Widerstreben aufgenommen wurden, später sich ein¬ 
bürgern, hat man geantwortet: Das tut die Gewohnheit. (Jnd 
auf die Frage, wie es geschehe, dafs Formen veralten, dafs 
wir ihrer müde oder überdrüssig werden, und nach neuen 
Formen verlangen, hat man ebenso die Antwort gegeben: Das 
tut die Gewohnheit. 
Nier ist offenbar die „Gewohnheit“ in doppeltem Sinne ge¬ 
nommen. Im ersteren Falle ist sie ein anderer Name für das 
sich Hineinleben in Formen, das allmählich immer sicherère 
Erfassen und sich innerlich zu eigen Machen ihres Sinnes oder 
ästhetischen Inhaltes. Alle Formen, die sich „einbürgern“, haben 
notwendig einen solchen Sinn und Inhalt. Es liegt in ihnen 
etwas, das seiner Natur nach fähig ist, gewertet zu werden 
und zu befriedigen, das ihnen demnach ein relatives inneres, in 
ihrem eigenen Wesen gegründetes, also „objektives“ Daseinsrecht 
gibt. Auch jede sich einbürgernde Kleidermode beweist eben 
dadurch, dafs sie sich einbürgert, dafs sie einen positiven 
ästhetischen Sinn und Inhalt hat, d. h. dafs sie eine Seite der 
menschlichen Persönlichkeit und ihres Gebarens, die uns der 
Versinnlichung wert scheint, zur sinnlichen Veranschaulichung 
bringt. Dafs uns aber die Mode dies Inhaltsmoment unmittelbar 
und eindringlich vergegenwärtigt, dazu bedarf es des sich 
„Hineinlebens“ oder des Eindringens, so etwa, wie es auch des 
sich Hineinlebens in ein Bild oder in eine Dichtung bedarf. Wir 
müssen uns „gewöhnen“, d. h. üben, dasjenige, was in der Form 
für uns liegt, sicher und mit Selbstverständlichkeit aus ihr 
herauszulesen. 
Dagegen ist im zweiten Falle die „Gewohnheit“ ein Aus-
        

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