Bauhaus-Universität Weimar

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Th. Lipps, 
nur als solches, ist also meine Betrachtung eine rein ästhe¬ 
tische, so gilt von ihr, was von aller ästhetischen Betrachtung 
überhaupt gilt. D. h. es liegt in der Natur derselben, die Frage 
nach der empirischen Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit dessen, 
was das ästhetische Objekt mir sagt oder mitteilt, absolut auszu¬ 
schließen. Die Frage etwa, ob das, wovon der Epiker erzählt, in 
der empirischen oder historischen Wirklichkeit sich zugetragen 
habe oder nicht, hat für die ästhetische Betrachtung gar keinen 
Sinn. Es kommt eben hier nicht die empirische, sondern einzig und 
allein die ästhetische Wirklichkeit in Frage. Die ästhetische Be¬ 
trachtung lebt nur in dieser Kegion, die von der Region, der die 
empirische Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit angehört, absolut 
geschieden ist. 
Diese ästhetische Wirklichkeit dessen, was der Dichter mit¬ 
teilt, besteht aber nicht nur, sondern sie ist eine unbedingte. Es 
ist ein Vorzug des Dichters vor dem Historiker und vor jedem, 
der empirische Tatsachen mitteilt, daß wir ihm unbedingt 
»glauben«, d. h. daß wir, was er sagt, ohne die Stellung einer 
Rechts- oder Berechtigungsfrage einfach hinnehmen; es sei denn, 
daß die Folgerichtigkeit der dichterischen Mitteilung selbst den 
Glauben aufhebt. Aber dieser Glaube ist eben ästhetischer Glaube. 
Er ist jenes einfache »Hinnehmen«. 
Diesen Glauben nennen wir auch »Überzeugtsein«. Das echte 
Kunstwerk der Dichtkunst redet überzeugend zu uns. Die »Über¬ 
zeugung«, die in dieser jedermann vertrauten Wendung gemeint 
ist, ist genau das, was ich oben als ästhetisches Wirklichkeits¬ 
bewußtsein bezeichnete. In unserm Haben oder Erleben derselben 
bestehen die »Urteilsakte«, die wir in der innerlichen Aneignung 
eines dichterischen Kunstwerkes vollziehen. 
Hiermit meine ich das Wesen der Quasi-Urteile, die in den Aus¬ 
sagen der Dichtung liegen, bezeichnet zu haben. Ich muß aber 
wiederum hinzufügen: Genau solche »Urteile« liegen in den »Aus¬ 
sagen«, ich meine: in den Formen und Farben der Werke der Bild- 
künste, und weiter in den Formen der Architektur, kurz in jedem 
Kunstwerk überhaupt. Wir fordern von beliebigen sonstigen Kunst¬ 
werken, etwa vom plastischen Kunstwerk, genau die gleiche Über¬ 
zeugungskraft wie vom Kunstwerk der Dichtung; wir »glauben« 
an das, was uns das plastische Kunstwerk sagt, genau in dem 
Sinne, wie wir an das glauben, was die Dichtung, insbesondere
        

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