Bauhaus-Universität Weimar

Weiteres zur »Einfühlung«. 
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dem Bewußtsein, derselbe sei von mir ins Dasein gerufen. Es 
begegnet etwa einem Dichter, daß die von ihm erdichteten Ge¬ 
stalten auftreten, ohne daß er weiß, wie ihm geschieht. Sie sind 
eben da und erfreuen sich eines unbestrittenen Daseins. Dann 
eignet ihnen eben damit jene ästhetische Wirklichkeit. Der Dichter 
sagt und darf sagen, die Gestalten sind da,' ich weiß nicht woher; 
und sie sind so, wie sie sind ; und sie gerieren sich so und nicht 
anders. 
In solchem Falle sprechen wir wohl von dichterischer »Inspi¬ 
ration«. Diese Inspiration hat den Charakter einer Mitteilung. 
Es ist dem Dichter so, wie wenn diese Gestalten von einer fremden 
Macht ihm eingegeben und vor sein Bewußtsein hingestellt worden 
seien. 
Dies nun führt uns darauf, 'daß jede tatsächliche Mittei¬ 
lung durch andere in gleicher Weise Gegenstände in der Weise 
vor mich hinstellen kann, daß ihnen für mein Bewußtsein ein un¬ 
bestrittenes Dasein eignet. Jemand^berichte mir über eine Sache, 
von der ich nichts weiß, und keine Erfahrung mir je etwas gesagt 
hat. Dann veranlaßt er mich, in dieser oder jener Weise Gegen¬ 
stände oder Teilgegenstände zu einem Gesamtgegenstand zu ver¬ 
einigen, oder zueinander in Relation zu setzen. Auch die Gegen¬ 
stände oder Sachverhalte, 'die so für mich zustande kommen, 
können Phantasiegegenstände sein, d. h. der empirischen Wirklich¬ 
keit entbehren. Und sie brauchen auch für mein Bewußtsein 
nicht wirklich zu sein. Ich frage vielleicht gar nicht darnach, ob 
sie wirklich sind oder nicht. Es »interessiert« mich gar nicht, 
wie es sich damit verhält. Aber sie stellen sich mir auch nicht dar 
als etwas, das durch mich ins Dasein gerufen wäre; sondern sie 
sind einfach da, und ihr Dasein ist zunächst ein unbestrittenes. 
Dies hindert nicht, daß auch die »ästhetische Wirklichkeit« 
solcher mitgeteilter Gegenstände uns verloren gehen oder auf¬ 
gehoben werden kann. Die empirische Wirklichkeit widerspricht 
vielleicht dem Mitgeteilten und nötigt mir, weil ich davon weiß, 
Gegenvorstellungen auf; dann ist die ästhetische Wirklichkeit 
wiederum dahin. 
Einen einzigen Fall aber gibt es nun, in welchem diese Gefahr 
unbedingt ausgeschlossen ist. Dieser Fall liegt vor in der ästhe¬ 
tischen Mitteilung, d. h. in der Mitteilung, welche mir das 
Kunstwerk, etwa die Dichtung, macht. Betrachte ich das Kunstwerk
        

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