Bauhaus-Universität Weimar

476 
Th. Lipps, 
wirklich ein solches ist und als solches genossen wird, tatsächlich 
übt, nicht in solchem Erleben. 
Dies aber wäre ein tibler Schluß. Nicht darin besteht der 
Fehler des Rührstückes, daß es zum vollen Miterleben zwingt, 
sondern darin, daß dasjenige, was es uns miterleben läßt, nichts 
Volles, sondern etwas Einseitiges ist. Sein Fehler besteht nicht 
im »zu viel«, sondern im »zu wenig«. Es gibt uns Leiden oder 
Freuden, traurige oder erfreuliche Geschicke, aber es gibt uns 
neben diesem, was Menschen widerfährt und von ihnen erlebt 
werden kann, nicht auch einen Menschen. Es gibt uns nicht die 
Würze, das Salz, den Stahl und das Eisen, die festen Bestandteile, 
die zum Menschen gehören und erst den Charakter konstituieren. 
Ja, es gibt uns schließlich vielleicht nicht einmal das Schicksal, 
so wie wir es kennen, sondern ein positives oder negatives Ideal 
eines solchen, ein reines Unglück oder Glück, wie es in der Welt 
nicht vorzukommen pflegt, und darum uns unverständlich ist, oder 
unverständlich sein sollte. 
Und nicht dies ist der Fehler bei demjenigen, der sich rühren 
läßt, daß das unglückliche oder glückliche Geschick einer dar¬ 
gestellten Person ihn so stark ergreift, sondern der Fehler ist, 
daß ihm die Fähigkeit fehlt, das, was als Salz in Unlust und 
Freude wirkt, mitzuerleben und so eine Reaktion gegen die schmel¬ 
zende Hingabe in sich zu erleben. Oder der Fehler ist, daß er 
seiner weichen Natur zufolge sich mit einem Kunstwerke, das 
solche schmelzende Hingabe fordert, begnügt, und nicht dies Salz 
oder das, was diese Reaktion in ihm bewirken müßte, von dem 
Kunstwerk fordert; daß er nicht, wo es ihm versagt bleibt, 
vom Kunstwerk sich abwendet. 
Rührung ist also allerdings kein ästhetisches Verhalten; aber 
nicht darum, weil es ein allzu volles Miterleben wäre, sondern 
darum, weil es ein einseitiges und insbesondere ein salzloses oder 
knochenloses Miterleben, oder weil es das widerspruchslose Mit¬ 
erleben eines salzlosen oder knochenlosen Kunstwerkes ist. Oder 
umgekehrt, das ästhetische Verhalten, das die Rührung ausschließt, 
ist nicht ein minder volles Miterleben, sondern es ist ein voll¬ 
ständigeres Miterleben; oder es ist das Miterleben dessen, was ein 
inhaltlich vollständigeres Kunstwerk bietet; eines Kunstwerkes, 
dem auch das Salz oder die Knochen nicht fehlen. Es ist ein 
Miterlehen, in welchem ein Gegeneinanderwirken der Akte des
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.