Bauhaus-Universität Weimar

Weiteres zur »Einfühlung«. 
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Der »Mensch«, das ist der wollende, der innerlich arbeitende, anch 
der sich wehrende, der weiterstrebende, der kämpfende und 
ringende, auch der denkende ; es ist der so oder so über das Schick¬ 
sal überlegene oder sich erhebende usw. 
Solche Menschen nun fordern wir in der Kunst. Wir fordern, 
wo in den Gestalten einer Dichtung Schmerz oder Lust uns ent¬ 
gegentritt, also Bitteres oder Süßes uns zum Miterleben auffordert, 
auch etwas von dem Salz, das in solcher Aktivität der Persönlich¬ 
keit, solcher inneren Arbeit liegt; wir fordern ein Quantum von 
Stahl und Eisen, irgendwelche feste Bestandteile, etwas von 
dem, was wir im positiven Sinne des Wortes Charakter nennen. 
Dies besteht eben in solchen festen Bestandteilen oder schließt 
auch solche in sich. 
Und wo nun dergleichen nicht fehlt, und wir es verspüren und 
miterleben, oder innerlich mitmachen, da ist das weiche wider¬ 
standslose Miterleben des Unglücks und ebenso das weiche wider¬ 
standslose Miterleben des einer Person widerfahrenden Glückes 
ausgeschlossen. Wir schmelzen nicht dahin, weder in der einen, 
noch in der andern Art des Miterlebens, sondern fühlen uns zu¬ 
gleich zusammengefaßt, wollend, aktiv, innerlich arbeitend, viel¬ 
leicht überlegen. Jenes Salz hindert das reine Gefühl der Bitter¬ 
keit oder Süßigkeit; das Miterleben der festen Bestandteile wirkt 
dem Zerschmelzen oder Zerfließen entgegen. Überkommt uns doch 
für einen Augenblick die Rührung, so schämen wir uns leicht dieser 
Rührung. Diese Beschämung entstammt dem Bewußtsein einer 
Schwäche; und diese Schwäche liegt in dem Mangel dessen, was 
ich soeben als das Salz, als Stahl und Eisen, oder als die festen 
Bestandteile bezeichnet habe. 
Man versteht, warum ich dies alles im gegenwärtigen Zusammen¬ 
hang sage. Man verurteilt die Rührstücke, und mit gutem Grunde. 
Und von da aus nun könnte der »Ästhetiker« weiter schließen und 
sagen: Rührung ist zweifellos volles Miterleben. Wer beim An¬ 
blick des traurigen Geschickes, das dem Helden oder der Heldin 
des Dramas widerfährt, in Tränen zerfließt, der erlebt zweifellos 
dies traurige Geschick mit. Er stellt sich nicht bloß vor, daß 
irgendwo Trauer sei. Aber dies Zerfließen in Tränen ist eben 
nicht das Richtige. Also besteht auch die ästhetische Wirkung, 
welche ein Kunstwerk üben soll, oder, was dasselbe sagt, es be¬ 
steht die ästhetische Wirkung, welche das Kunstwerk, falls es
        

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