Bauhaus-Universität Weimar

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Sechstes Kapitel. 
fassung zu entziehen droht, von einer auf keimenden 
Hallucination reden? Denn dem gewöhnlichen 
Sprachgebrauch nach unterscheidet man (vollendete) 
Illusionen und Hallucinationen gerade dadurch, dass 
man jene in der falschen Deutung eines äusseren Ob¬ 
jektes, diese in der Täuschung ohne sinnliche Anhalts¬ 
punkte bestehen lässt; der Hypnotisierte, der eine 
Kartoffel als Apfel geniesst und im leeren Kaum eine 
Katze erblickt, hätte im ersten Fall eine Illusion, im 
zweiten eine Hallucination. Würde man also die Selbst¬ 
täuschung bei der Lesepoesie in dem letzteren Sinn auf¬ 
fassen, so könnte hier von einem Teilhaben an der 
sinnlichen Realität des G-ebotenen nicht geredet wer¬ 
den. Ich schliesse mich der Ansicht derer an, die auch 
bei der Hallucination an sinnlich gegebene An¬ 
haltspunkte glauben, oder wenigstens annehmen, 
dass solche sehr häufig bei sogenannten hallucinato- 
rischen Zuständen vorhanden sind; so können z. B. 
beim Traume nicht nur in dem „Lichtstaub“ des 
dunklen Sehfeldes, sondern auch noch in etwas an¬ 
derem, das uns näher interessiert, derartige sensori¬ 
sche Grundlagen vermutet werden, nämlich in Organ¬ 
empfindungen des eigenen Leibes (ich erinnere an das 
Alpdrücken). Soweit dies zutrifft, ist kein wesentlicher 
Unterschied zwischen Hlusion und Hallucination vor¬ 
handen, oder doch nur der, dass die Reize im einen 
Fall durch fremde Objekte, im anderen durch Vor¬ 
gänge im eigenen Organismus verursacht werden. Hier 
sehe ich nun das Mittel, um auch die Lesepoesie den
        

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