Bauhaus-Universität Weimar

Die reproduktiven Faktoren des ästhetischen Geniessens. 95 
Gestalt dreimal die Form einer Schlange wiederholen, 
die sich anfgerichtet hat, und mit leicht zurück- 
gebeugtem Hals und vorwärts drängendem Kopfe 
zum tötlichen Angriff überzugehen droht. Besonders 
der mittlere Grat, der, von Zermatt aus gesehen, die 
ganze Figur von oben nach unten teilt und dadurch 
noch schlanker macht, ist hierfür charakteristisch. 
Als ich von dieser Association und dem durch sie 
bedingten Urteil (vom Urteil gilt natürlich genau das¬ 
selbe, was eben über die Association gesagt wurde) zu 
dem Anblick des Berges zurückkehrte, war der Ein¬ 
druck des Furchtbaren und Drohenden begreiflicher- 
weise äusserst lebendig, weil die durch Association 
und Urteil erzeugte Gesamtstimmung nachwirkend 
mit dem Wahrnehmungsakt verwuchs. Gerade so 
verhält es sich bei dem Einfluss, den die Schilderung 
des Kunsthistorikers so oft ausübt. Wenn er uns 
etwa darauf aufmerksam macht, wie bei dieser Tizian- 
sehen Venus eine rhythmische Wellenbewegung vom 
Haupte an über die ganze rechte Körperseite in 
wunderbarem Schwünge abwärts läuft, um in der 
Form des Fusses zum letztenmal hervorzutreten, so 
verwächst beim Schauen die Gefühlsstimmung, die 
durch das Vorstellen einer solchen Bewegung ent¬ 
stand, mit dem Wahmehmen der Form und erhöht 
den Genuss des Betrachtens. Ich komme also, indem 
ich einige Bemerkungen über ähnliche Vorgänge in 
der Poesie auf später verschiebe, zu dem Resultat: 
die Ideenassociation gehört als solche nicht zum ästhe¬ 
tischen Eindruck, sie kann aber mittelbar von grossem
        

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