Bauhaus-Universität Weimar

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mit voller Hingebung genossen werden soll, und da ferner 
dieses Individuum aufser den ästhetischen auch moralische 
Interessen hat, so darf das Kunstwerk n i c h t eben so stark 
auf die moralischen Gefühle einwirken wie auf die 
ästhetischen. Denn sowie die moralischen Interessen 
in den Vordergrund treten, versinkt der ästhetische Ge- 
nufs — der Künstler hat das Ziel, das er sich setzte oder 
wenigstens setzen sollte, nicht erreicht. Also auch hier zeigt 
sich wieder die monarchische Einrichtung des Bewufstseins, 
welches sich dagegen sträubt, zwei Herren zugleich zu 
dienen. 
Der Kunst ist es demnach durchaus nicht um die 
Wahrung der Moral zu thun, sondern um die Wahrung des 
ästhetischen Scheines. Wäre sie der Moral dienstbar, so 
dürfte sie dieselbe zwar nicht verletzen, wohl aber recht 
stark betonen und in den Vordergrund rücken. Doch gerade 
hieran erkennt man leicht, wie gleichgiltig sich die Kunst 
gegenüber der Moral verhält: sie mufs nicht nur eine zu 
aufdringliche Verletzung der Moral vermeiden, sondern 
sie hat ganz genau denselben Mifserfolg, wenn sie die 
Moral zu stark betont. Ob sie die moralischen Gefühle 
verletzt, oder ob sie ihnen schmeichelt — das ist völlig 
einerlei ; nur darauf kommt es an, ob auf die eine oder die 
andere Weise die moralischen Interessen überhaupt zu sehr 
in den Vordergrund gestellt werden. So erklärt sich die 
grofse aber doch nicht schrankenlose Freiheit der Kunst. 
Sie darf alles Menschliche in ihr Bereich ziehen und rein 
nach ihren ästhetischen Bedürfnissen verwerthen, nur darf 
Aesthetik und Moral,
        

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