Bauhaus-Universität Weimar

Der ästhetische Schein. 
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Der herrschende Schein ist ästhetisch, nicht der reine 
Schein. Denn ein absolut reiner Schein, bei dem alles 
Uebrige, was sonst unsere Seele erfüllt, vollständig ver¬ 
schwunden wäre, existirt gar nicht; es handelt sich 
immer nur um die Vorherrschaft. Wie der Begriff des 
Herrschers den des Dieners fordert, so kann auch der 
herrschende Schein von dem übrigen Gehalt des Seelen¬ 
lebens nicht vollständig losgetrennt sein; die Verstandes- 
und Willensthätigkeit, welche sich über den Schein hinweg 
mit tausend Interessen an die materielle Wirklichkeit 
richtet, kann im ästhetischen Anschauen nicht einfach ver¬ 
nichtet sein, sie verliert nur die Vorherrschaft und sinkt, 
zu einer dienenden Stellung herab. Darum hat Kant Un¬ 
recht, wenn er das Interesse vom ästhetischen Wohl¬ 
gefallen unbedingt ausschliefst. Auch Hartmann ist hierin 
zu schroff, wenn er sagt: „Das ästhetische Verhalten 
zur subjectiven Erscheinung unterscheidet sich eben dadurch 
principiell und specifisch von dem theoretischen und 
practischen Verhalten zu derselben, dafs es von der 
transsubjectiven Realität, welche der subjectiven Erscheinung 
causal zu Grunde liegt, völlig abstrahirt“*). Die Fort¬ 
setzung dieses Satzes aber stimmt genau mit der eben 
entwickelten Ansicht überein : „wogegen die letzteren beiden 
*) Hartmann’s Aesthetik, II, 12. Vgl. ebd. S. 34: „Der 
ästhetische Schein ist erst dann wahrhaft ästhetischer Schein, wenn 
er yö Uig reine r Schein ist“.
        

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