Bauhaus-Universität Weimar

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nifs warnte, so hatte ich ganz besonders dieses Beispiel 
des Rechteckes im Sinne. Man wird nämlich auch hier sagen 
müssen : für die Thatsache, dafs bei einem solchen Recht¬ 
eck der Quotient der kleineren aus der gröfseren Seite 
gleich ist dem Quotienten der gröfseren aus der Summe 
beider Seiten, kann der unbefangen Schauende kein Ver¬ 
ständnis haben ; denn ganz abgesehen davon, dafs die 
Annahme einer unbewufst ausgeübten und genossenen Ma¬ 
thematik¥) ihre sehr bedenklichen Seiten hat, ist hier für 
das Auge die Summe der beiden Linien gar nicht vorhan¬ 
den. Was das so gestaltete Rechteck angenehm macht, 
wird nicht in einem mystischen Ahnen des für das Auge 
allzu complicirten mathematischen Verhältnisses liegen, 
sondern darin, dafs hier ebenso wie bei der Aneinanderrei¬ 
hung mehrerer Formglieder der goldne Schnitt eben 
eine goldne Mitte bezeichnet, nämlich die Mitte zwi¬ 
schen auffälliger Schlankheit und auffälliger Gedrungenheit 
der Figur. Denn sowohl die auffällige Schlankheit als die 
auffällige Gedrungenheit ist leicht von einem sinnlichen 
Unbehagen begleitet. Bei dem in die Länge gezogenen und 
doch noch nicht bandartigen Rechteck vermifst das Auge 
eine Unterabtheilung, die Annäherung an das Quadrat er¬ 
scheint als eine verdorbene Gleichseitigkeit*) **), und bei dem 
Das Schöne. 
*) Leibniz : „exercitium arithmeticae occultum nescientis se 
numerare animae“. 
**) Bei Fechners Versuchen wurde an einem nach dem Ver- 
hältnifs 5 : 6 gestalteten Rechteck „mehrfach getadelt, dafs es fast
        

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