Bauhaus-Universität Weimar

Die innere Nachahmung. 
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Idee Schillers — es wird als Materielles vernichtet, um 
lebendig und seelenvoll in der inneren Nachahmung aufzu- 
erstehen. Ich selbst strebe nachahmend mit den steilen 
Formen eines Gebirges empor; darum scheint das Gebirge 
von einem kühnen und gewaltigen Geist erfüllt zu sein. 
Ich selbst geleite den Giefsbach auf seinem schnellen Weg 
zu Thal; darum scheint er in drängender Lust hinabzueilen. 
Meine eigene Seele baut in sich die Formen eines Tempels 
nach; darum scheint an die Stelle des todten Mauerwerkes 
ein lebendiges und beseeltes Material getreten zu sein; die 
Treppen scheinen hinaufzuführen, die Säulen emporzu¬ 
streben, das Dach Schutz anzubieten, die harmonisch ge¬ 
gliederten Formen von einer heiteren Sicherheit erfüllt zu 
sein. 
Es ist interessant, zu sehen, wie Lotze da, wo er von 
der Beseelung des Unbeseelten spricht, zu Ausdrücken 
greift, die aufs deutlichste die innere Nachahmung kenn¬ 
zeichnen. „Keine Gestalt", sagt er, „ist so spröde, in welche 
hinein sich unsere Phantasie nicht mitlebend zu versetzen 
wüfste.--Nicht allein in die eigenthümlichen Lebens¬ 
gefühle dessen dringen wir ein, was an Art und Wesen 
uns nahe steht, in den fröhlichen Flug des singenden Vogels 
oder die zierliche Beweglichkeit der Gazelle ; wir ziehen nicht 
nur die Fühlfäden unseres Geistes auf das Kleinste zu¬ 
sammen, um das engbegrenzte Dasein eines Muschelthieres 
*) Lotze, „ 
Mikrokosmus“, II, 4. Auf!.. S. 201 u. 202,
        

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