Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über die Bedeutung des Phonographen für vergleichende Musikwissenschaft
Person:
Abraham, O. E. von Hornbostel
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39586/13/
234 
Hr. Stumpf: Ich möchte nur meine grosse Freude ausdrücken 
darüber, dass eine Sache, die mir schon viele Jahre lang am Herzen ge¬ 
legen hat, jetzt von meinen beiden jungen vortrefflichen Mitarbeitern so 
tatkräftig in die Hand genommen worden ist, und zwar viel besser und 
viel exakter, als es früher nur möglich erscheinen konnte. Denn als es 
noch keine Phonographen gab, war man auf die in Reiseberichten ent¬ 
haltenen, nach dem Gehör aufgenommenen Notierungen beschränkt, und 
diese leiden an vielen Übelständen. Es ist selbst für ein sehr geübtes 
Ohr oft unmöglich, solche fremdartigen Weisen sicher aufzufassen und in 
Noten zu bringen, umsomehr für einen akustisch nicht besonders vor- 
ge.bildeten Reisenden. Deshalb sind auch die vielen Notizen, die ich mir 
im Laufe der Jahre aus solchen Reiseberichten mit Hilfe von Ethnologen 
und Geographen gesammelt habe, augenblicklich ziemlich Makulatur ge¬ 
worden — ich sage: augenblicklich; denn wenn wir erst einmal die ge¬ 
nauen Studien mit Hilfe der Phonographen und unserer akustischen 
Apparate gemacht haben, dann werden wir ja auch die früheren Notationen 
heranziehen, sie mit den phonogrammetrischen Aufnahmen vergleichen 
und so das Zuverlässige von dem Unzuverlässigen sondern können. Manches, 
hoffentlich Yieles, wird sich dann noch als brauchbar erweisen. Freilich 
diese Studien durch den Phonographen können nicht alles leisten, was zu 
wünschen ist; das Stadium nach der Natur bleibt doch immer unentbehr¬ 
lich, wenn man sich den vollen Eindruck der exotischen Musik verschaffen 
will, nicht bloss wegen der Unvollkommenheit der Apparate, die ja mit 
der Zeit ganz ausgeglichen werden wird, sondern auch deshalb, weil zum 
Eindruck und Verständnis der lebendigen Musik die ganze Vortragsweise 
gehört, die Gebärden und die engere und weitere Umgebung, das ganze 
Milieu, in dem die Musik erwachsen ist. Der Musikforscher muss daher 
jede Gelegenheit benutzen, jeden Besuch, den wir von fremden Arölker- 
schaften haben, um seine Anschauungen zu bereichern. Besonders er¬ 
wünscht ist es aber, dass Reisende, die musikalisch veranlagt sind, nun 
mit diesem neuen Apparat ausgerüstet, Studien machen und über die 
Einzelheiten jeder Aufnahme berichten. Zeit wäre es freilich, wie H. v. 
Luschan bemerkt hat, dass solche Aufnahmen gemacht und gesammelt 
würden; denn immer mehr verwischen sich die Grenzen, teils durch die 
Akkommodation der Eingeborenen, teils durch die der Modernen. Ich habe 
erst gestern von Herrn Kollegen Münsterberg aus Amerika eine ähnliche 
Nachricht erhalten, wie es vorher aus Benares berichtet worden ist. Er 
sagt, es sei eine Bewegung entstanden, um die indianischen Urmelodien 
als Nationalmelodien zu benutzen. Diese eignen sich ja freilich sehr gut 
dazu, denn die indianischen Melodien gehören zu denjenigen, die unserem 
Ohre am besten liegen. 
Nun möchte ich, was die praktische Seite der Frage anbetrifft, noch 
die in letzter Zeit ventilierte Idee zur Sprache bringen, man soll danach 
streben, ein Archiv für Phonogramme anzulegen, am besten gewiss 
als einen Teil des Ethnologischen Museums. Es müsste eine grosse Anzahl 
von solchen Platten und Walzen gesammelt werden, die auch zu gelegent¬ 
lichen Produktionen für Museumsbesucher verwandt werden würden, vor
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.