Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs (Inaugural-Dissertation) [Reprint der Ausgabe Berlin 1908]
Person:
Musil, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39540/100/
100 
durch gedankliche Zerlegung derselben in solche einfache 
Elemente, daß aus diesen die gegebenen Tatsachen mit zu¬ 
reichender Genauigkeit sich wieder gedanklich aufbauen 
und zusammensetzen lassen. Solche elementare idealisierte 
Tatsachenelemente, wie sie in Wirklichkeit nie in Voll¬ 
kommenheit angetroffen werden, sind die gleichförmige 
und die gleichförmig beschleunigte Massenbewegung, die 
stationäre (unveränderliche) thermische und elektrische 
Strömung und die Strömung von gleichmäßig wachsender 
und abnehmender Stärke usw. Aus solchen Elementen 
läßt sich aber jede beliebig variable Bewegung und Strö¬ 
mung beliebig genau zusammengesetzt denken, und der 
Anwendung der Naturgesetze zugänglich machen. Dies 
geschieht in den Differentialgleichungen der Physik. 
Unsere Naturgesetze bestehen also aus einer Reihe für die 
Anwendung bereit liegender für diesen Gebrauch zweck¬ 
mäßig gewählter Lehrsätze. Die Naturwissenschaft kann 
aufgefaßt werden als eine Art Instrumentensammlung zur 
gedanklichen Ergänzung irgend welcher teilweise vor¬ 
liegender Tatsachen oder znr möglichsten Einschränkung 
unserer Erwartung in künftig sich darbietenden Fällen.“1 ) 
Der wichtige, in diesen Ausführungen neu hinzu¬ 
kommende Gedanke, ist der, daß das idealisierende und 
daher fiktive Moment an den Naturgesetzen betont wird. 
Unsere Naturgesetze werden durch Abstraktion gewonnen, 
sagt Mach, durch Absehen von der vollen Mannigfaltigkeit 
der Tatsachen, nur durch Idealisierung der Tatsachen ge¬ 
lingt es uns, Gesetzlichkeit zu finden. „Alle allgemeinen 
physikalischen Begriffe und Gesetze, der Begriff des 
Strahls die dioptrischen Gesetze, das Mariotte’sehe Gesetz 
usw. werden durch Idealisierung gewonnen. Sie nehmen 
dadurch jene einfache und zugleich allgemeine, wenig be¬ 
stimmte Gestalt an, welche es ermöglicht, eine beliebige 
auch komplizierte Tatsache durch synthetische Kombi¬ 
nation dieser Begriffe und Gesetze zu rekonstruieren, d. h. 
1) 
E. u. J. 447. 
I IO
        

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