Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Handbuch der physiologischen Optik
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39509/838/
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NACHTRÄGE 
Die grösste Sehweite entspricht also dem Ruhezustände des Auges. Als 
normale Lage des Fernpunktes kann die in unendlicher Ferne betrachtet werden. 
Solche Augen nennt Donders emmetropisch (von ;'/j/u-tooç, modum tenens, 
und tliip, oculus), um die Vieldeutigkeit des Ausdrucks „normale “ oder „normal¬ 
sichtige“ Augen zu vermeiden. Emmetropische Augen können natürlich noch 
an mancherlei anderen Fehlern leiden und brauchen nicht „normal“ zu sein. 
Augen, deren Fernpunkt vor ihnen, aber nicht in unendlicher Ferne liegt, 
nennt er brachymetropisch oder, mit dem älteren Namen, myopisch; diese 
Augen können nur divergirend einfallcnde Strahlenbündel auf der Netzhaut 
vereinigen. 
Augen, die im Gegentheil nicht nur parallele, sondern auch convergirend 
einfallende Strahlen vereinigen können, heissen hypermetropisch. 
Die myopischen Augen können sich ohne Hilfe eines Brillenglases für 
weit entfernte Objecte nicht einstellen; es mangelt ihnen also ein wichtiger 
Theil der Fähigkeit eines emmetropischen Auges. Die hypcrmetropischen 
dagegen sind genöthigt jedes Mal, wo sie ein reelles Object fixiren wollen, 
eine Accommodationsanstrengung zu machen, wodurch mannigfache und häufig 
sehr störende Ermüdungserscheinungen herbeigeführt werden. Beiderlei Arten 
der Abweichung sind also für den praktischen Gebrauch des Auges nachtheilig 
und werden deshalb von Donders unter dem Namen der ametropischen 
Augen zusammengefasst. 
Der Grund dieser Abweichungen beruht der Regel nach auf der verschie¬ 
denen Länge der Augenaxen, die in den hypermctropischen kürzer ist, als in 
den emmetropischen. Damit hängt auch die Lage des Drehpunkts dieser Augen 
zusammen, der, wie auf Seite 459 bemerkt wurde, in den myopischen Augen 
weiter nach hinten, in den hypermetropischen weiter nach vorn liegt. Die 
Hornhaut und Linse zeigen in der Regel keine Krümmungsänderungen, aus denen 
die Ametropie erklärt werden könnte. 
Um den Zustand solcher abweichender Augen vollständig zu bestimmen, 
muss ferner die Grösse der Veränderung bestimmt werden, welche durch active 
Muskelanstrengung in ihrem Brechungszustande hervorgebracht werden kann. 
Wenn wir ein emmetropisches Auge, welches zwischen unendlicher Ferne und 
einer Sehweite von 6 Zoll sich für jedes Object einstellen kann, und ein stark 
myopisches, welches zwischen 6 und 3 Zoll Entfernung accommodiren kann, 
mit einander vergleichen, so scheint auf den ersten Anblick vielleicht das letztere 
eine viel engere Grenze der Accommodationsfähigkeit zu haben, als das erstere. 
Wenn wir aber dicht vor ein solches myopisches Auge eine Concavlinse von 
6 Zoll Brennweite setzen, welche ihm erlaubt unendlich entfernte Gegenstände 
deutlich zu sehen, so werden wir finden, dass dasselbe Auge mit Hilfe dieser 
Brille nun auch, wie das zuerst genannte emmetropische Auge zwischen unend¬ 
licher Ferne und 6 Zoll Abstand accommodiren kann,,also eine ebenso grosse 
Breite der Accommodation hat, wie das erstere. Die genannte Linse mit 6 Zoll 
negativer Brennweite entwirft nämlich von Objecten, die 6 Zoll hinter ihr liegen, 
ein virtuelles Bild in 3 Zoll Entfernung , für welches sich also das supponirte 
myopische Auge accommodiren kann.
        

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